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H. M. Davringhausen Der Andere
(Herbst-Ausstelllung 1921)
H. M. Davringhausen
(Herbst-Ausstellung 1921)
Die Zwei
BÜCHER
Max Picard: »Der Letzte Mensdi«. 1921.
E. P. Tal u. Co. Verlag. Leipzig, Wien, Zürich.
Endlich wurde ein Buch geschrieben, still, schön, vor®
nehm, ein aufreizendes Buch von neuem Schöpfungs®
radius,das der Bevormundung verbrecherischer Helden
entgeht. Ein Orgelwerk tiefglutender Einsamkeit. Daß
es als Buch geschrieben wurde, war vielleicht nur zu®
fällige Wandlungsäußerlichkeit. Sie hätte auch eine
andere Form annehmen können. In bedingter Ab®
grenzung etwa als Kathedrale, als Kino <das jede
stoffliche Knebelung zerschlägt), als Gebet, als Bild®
Oratorium, halb als Dada®Artefakt, halb als Weihe®
spiel. Ein unglaublich rätselhaftes Gefüge hat sich hier
in den Achsen des Denkenmüssens über Schicksal hin®
weg auskristallisiert. Dieses Buch stört den Verkehr
der Kritiker, der Historiker bedenklich. Hast du die
Schöpfung in dir, so wächst diese »Literatur« zum
Hohenlied. So wie Kant seine Anthropologie ge®
schrieben hat, so formuliert Picard seine eigene
Anthropologie. Mehrmals schon wurde der Mensch
zu Grabe getragen von allen Heiligen, und wieder
geboren, gefordert, von Buddha, Christus bis zu Lud®
wig Rubiner. Die humanitäre Weltbreite, sicherlich
als Ethos groß und erhaben, vollzieht ihren Ablauf
in gegebenen Schaffensbahnen, vom optimistischen
Fortschrittsgeist beseelt. Picard setzt neben die hero®
ische Gesinnung eine unerhörte Welt neuer Dimen
sionen. Was ein Chagall im Bild gemalt, hat hier ein
Dichter in heißer Anschaulichkeit erfühlt. Eine Magie
des Seins hebt an, die organische und psychische Trans®
formation des Menschen (reicht diese Vorstellung noch
aus? ...) durcheilt grotesk die Raumstruktur taumeln®
der Gebilde. Der Mensch, die nackte Balance zur Welt
zu suchen, der längst seine Wachheit, sein Gesicht
verlor, verbrennt im Gestühl kompakt blinder Leiber.
Niemals hat die Tragödie menschlicher Werte so uner®
bittlich, so konsequent in einem Künstler®Philosophen
gerungen, geflammt, den Abgrund sündiger Glieder
härter, schicksalstoller geschlagen. Die Flucht vor dem
Blute, vor der Qual, vor dem Gleichnis des Bildes,
die Konfiskation des Menschen auf dem realen Globus
treibt Horizonten zu, wo das Aufhorchen der Ge
schlechter verlischt, wo bettelarm ein zerschlagenes
Träumen die Herzensnot aller vernichtet, um aus dem
unsichtbaren unmenschlichenEndschauspiel diestumme
großeWahrheit heilend zu gebären. Masse Geschöpf,