Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Aktive und passive Religiosität in Indien und China 
Von Dr. OTFRIED EBERZ 
Rein etymologisch bedeutet Mystik die Kunst, einen andern oder sich selbst in den som 
nambulen Zustand zu versetzen. In diesem künstlichen Schlafe erlischt das empirisch-indi^ 
viduelle Bewußtsein,- und wie verschieden auch die Mystiker von ihren relativen geistigen Voraus 
setzungen aus ihren Zustand mythologisch^konkret oder metaphysisch-abstrakt als Hinswerden 
mit Gott oder als Identität des Subjekts und Objekts formulieren mögen, alle erblicken in dem 
»Entwerden« die wahre Bestimmung des Menschen und die höchste ihm erreichbare Glückseligkeit. 
Im Osten wie im Westen stellten sie diese passive Versenkung als das innerliche Gebet und die 
innerliche Religion dem aktiven voluntaristischen Gebete der positiven Religionsgemeinschaften 
entgegen. Aber als Verneinung der aktiven Religion des Staates negiert die Mystik bewußt oder 
unbewußt diesen selbst zugleich mit seiner geistigen Grundlage,- und umgekehrt liegt in ihr der 
Anspruch, mit dem neuen Gebet die Grundlage einer höheren, nicht mehr wollenden, also nicht 
mehr staatlichen, sondern ideaLanarchistischen Gesellschaft zu bilden. Natürlich haben sich in den 
religiös=politischen Gesellschaften des Ostens und Westens diese Gegensätze immer wieder syn= 
thetisdi zu vereinigen gesucht,- die mystische Opposition erkannte die aktive Religion als Vorstufe 
an und die Hierarchie utilisierte den mystischen Somnambulismus für die praktischen Bedürfnisse 
des Gesellschaftslebens. Soziologisch aber ist diese Synthese der Ausdruck für die Verschmelzung 
oder Assimilation der beiden anthropologischen Schichten, aus denen jede Gesellschaft besteht: 
der aktiven Herrenrasse, der Trägerin des Staates und seiner positiven Religion, welche dem 
sozialpolitischen Naturgesetze gemäß die ungleichen Rechte der Individuen, Stände, Nationen 
und Rassen sanktioniert, und der passiven Unterschicht, deren mystische Religiosität das Selbst 
bewußtsein der geistlichen und weltlichen Aristokratien zum quietistischen Selbstmord im somnam 
bulen Schlafe zu verführen sich bemüht. In Asien hat diese quietistische Mystik ihr chiliastisches 
Ideal am naivsten ausgesprochen. Hier fordert die apokalyptische Utopie der niederen passiven 
Rassen die Rückkehr zu dem digestiv^contemplativen Vegetieren ihres Urzustandes, aus dem sie 
einst die erobernden Herrenrassen, sie zur Arbeit zwingend, gerissen hatten. 
I. 
In den Köpfen unserer Gebildeten spukt immer noch das OperettenUndien der Romantik. Die 
einseitige Betrachtung der aus dem Zusammenhang mit dem konkreten Leben gerissenen religiösen 
Literatur hat das ganze indische Volk zu einer von dem Rest der Menschheit verschiedenen 
Gattung träumender Lotosblumen gemacht. Vielen wird es eine Überraschung sein zu hören, daß 
die Intensität des ökonomischen, sozialen und politischen Lebens in den Dutzenden von Klein 
staaten zwischen dem Indus und der Gangesmündung mit derjenigen der gleichzeitigen griechi^ 
sehen Stadtstaaten verglichen werden muß. Noch waren die Stände nicht zu Kasten erstarrt, 
sondern mehr oder weniger geschlossene Berufsgenossenschaften, welche das Königtum miteinander 
zur Einheit des Staates verknüpfte. Tendenziöser Antiklerikalismus hat die Rolle des Priester 
standes im Leben der indischen Staaten maßlos übertrieben, indem er sich auf Stellen berief, die 
niir die diktatorische Aspiration der Brahmanen, aber nicht ihre reale Machtstellung ausdrücken. 
In Wirklichkeit war der Priesterstand der indischen Stämme, wie der aller antiken Völker, der 
Erzieher zum religiös-politischen nationalen Imperialismus und der Hüter seiner Überlieferungen 
Brahma oder später der Eine Gott in den drei Gestalten des trimurti war nicht nur der Weltgott, 
sondern zugleich der allen Stämmen gemeinsame Nationalgott, der durch das auserwählte indische 
Volk seine Herrschaft über die Erde ausbreiten wollte. Sein Priesterstand lehrte das von ihm
	        
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