Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

dem Urvater Manu offenbarte Gesetz, das Gesetz des religiös^politischen Imperialismus der 
Rasse. Unter der Inspiration ihrer Priester eroberten und kolonisierten die arischen Stämme das 
Dekan, Ceylon, die hinterindischen Küsten bis nach Kambodscha und Tschampa und die Insel 
Java, überall die Religion ihres Nationalgottes ausbreitend,• ihr Handelsgebiet erstreckte sich von 
China bis nach Alexandria. Und der höchsten Bewunderung wert ist es, daß dieser Priesterstand 
trotz aller abstrusen und abgeschmackten Spekulationen über das Wesen seines Gottes und des 
Opferkultes, die Klarheit und Schärfe des Blickes für die politischen Realitäten bewahrte. Viele 
Jahrhunderte lang stritten die Stammeskönigreiche erfolglos um die Aufrichtung eines die Stämme 
zur Nation einigenden Prinzipates, denn die großen Reiche von Hastinapura und Ayodhya der 
beiden Nationalepen sind Schöpfungen der Sage. Erst Chandragupta, der Begründer der Maurya- 
dynastie, schuf nach dem Rückzuge Alexanders des Großen, von seinem Minister Canakya, dem 
brahmanischen Richelieu, beraten, ein bis zum Vindhyagebirge reichendes indisches Kaiserreich 
mit der Hauptstadt Pataliputra. 
Nie ist ein Inder der aktiven brahmanischen Nationalreligion und damit der ganzen indischen 
Gesellschaft verhängnisvoller geworden als Siddharta Gautama, der sich den messianischen Namen 
des Buddha, des Erweckten, des Illuminaten, beilegte. Er leugnete die Erlösung von der Wieder^ 
gebürt durch die aktive Frömmigkeit des brahmanischen Gesetzes und erklärte sie als ausschließlich 
bedingt durch die von ihm gelehrte passive Versenkung, den magischen Tiefschlaf des Nirwana. 
Das ist die heilige Wahrheit von der Aufhebung des Leidens durch die hypnotische Aufhebung 
des Selbstbewußtseins mit Hilfe einer neuen Joga-Praxis, deren Abgründe sich ihm unter dem 
Boddhibaume auftaten. Gautama ist die üppigste Verfallsblüte des indischen Lebens, das sich zu 
seiner Zeit religiös und staatlich in fortschreitender Zersetzung befand. Sein Werk ist nicht 
Revolution, sondern nihilistische Zerstörung des indischen Willens durch eine entnervende Mit 
leidslehre, welche besonders in der nördlichen Schule bis zu den albernsten Konsequenzen ent 
wickelt wurde. Die passive Frömmigkeit des Buddhismus ist mit dem Fluche der Sterilität 
geschlagen. Das Wertvolle in der Schriftensammlung der südlichen Buddhisten ist brahmanisches 
Lehngut, denn der Buddhismus hat stets parasitär vom Brahmanismus gelebt, dessen Entwicklung 
er nachahmend folgte, um nicht zu verkümmern. Die deuterokanonischen Sutras der nördlichen 
Schule aber sind somnambule Delirien einer sich hemmungslos austobenden drawidisierten Ein^ 
bildungskraft. Wer von der großartigen Literatur der Brahmanen kommt, ist empört über das 
endlose Wiederkauen derselben dürftigen Gedanken durch schläfrige Bonzen. Man fühlt in diesen 
Schriften die für alle Verfallszeiten so charakteristische Verbindung von blasierten und frondie- 
renden decadants der oberen Stände mit den nach Ruhe lechzenden Arbeitstieren der unteren, die 
sich in Indien aus der dunkelhäutigen drawidischen Rasse und den Mischrassen zusammensetzten. 
Passive Naturen ihrem Blute nach mußten sie in dem Propheten der mystischen Trägheit ihren 
Erlöser erblicken und den Verkünder des neuen Gesetzes der Passivität, des dhamma, in einer 
ihn schließlich vergötternden Buddhologie als Gegengott gegen Brahma und sein Gesetz der 
Aktivität, das dharma, aufstellen. Sie fühlten sich unwiderstehlich von dem apokalyptischen 
Zukunftsparadies einer im dämmernden Halbschlaf dahinvegetierenden Herde angezogen. Die 
sozialen Gegensätze waren in Buddhas Orden aufgehoben: der Mönch aus der Schudrakaste übte 
die hypnotische Versenkung neben den abtrünnigen Brahmanen. Und gerade die letzteren wurden 
die Lehrer und Dialektiker der neuen passiven Religion,- ohne brahmanische Intelligenz wäre die 
Bewegung infolge ihrer geistigen Armut bald versandet. 
Aber von den einzelnen Apostaten abgesehen, blieb der Stand seiner Aufgabe als Hüter der 
religiös-politischen Weisheit und Erfahrung des indischen Volkes getreu. Er bekämpfte die ein= 
reißende soziale Anarchie der Stände und die Eheflucht der Jugend, welche die Kette der Familien 
generationen zerriß, während Manus Gesetz erst dem Großvater, der den Sohn seines Sohnes 
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