Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Adlige, der durch die moralische Disziplin, die Pflege der Musik und das liturgische Ritual Herr 
seiner Seelenstimmungen und so zur Beherrschung der Menschen fähig geworden ist. 
Aber Kung und seine Schüler haben durch moralische Predigten das auseinandergebrochene 
Reich nicht wieder herzustellen vermocht,- der Egoismus des Adels und der Fürsten brauchte eine 
rücksichtslosere Behandlung. SchLhoang^ti, der Begründer der Tsindynastie, war es, der zurZeit 
des zweiten punischen Krieges mit brutaler Gewalt den alten Feudalstaat .für immer zerbrach 
und auf seinen Trümmern den zentralistischen und bureaukratischen Einheitsstaat schuf, der fast 
zwei Jahrtausende bis zur Revolution gedauert hat. Den Confuzianismus, in dem er eine Stütze 
des alten Systems sah, verfolgte er erbarmungslos. Gegen verschiedene einander bekämpfende 
Sekten desselben hatte sich inzwischen die vonKungs treuestem Schüler Tsengtse begründete und 
von Tseu-sse, den genialen Enkel des Meisters fortgeführte Richtung als orthodox durchgesetzt, 
die der Wanderprediger Mengtse, der Zeitgenosse Alexanders des Großen, dialektisch verteidigte. 
Aber unter den beiden Handynastien, welche das revolutionäre Haus der Tsin ablösten, erlebte 
Kung seine Auferstehung. Freilich mußte sich die Lehre den neuen Verhältnissen anpassen. 
Ihre Soziologie verlor den feudalaristokratischen Charakter und der Thiasos der Schule verwandelte 
sich den neuen Prinzipien der Administration gemäß in ein zentralisiertes und hierarchisiertes 
Staatsbeamtentum. Aber durch den Verzicht auf das Nebensächliche wurde das Wesentliche 
erreicht. Kung wurde Lehrer des nationaLimperialistischen Tao und seiner aktiven Religiosität 
für das ganze chinesische Volk. Die letzte Dynastie hat noch kurz vor ihrem Untergang die 
höchsten Staatsopfer für ihn dekretiert. 
Während sich Adel und Fürsten in endlosen Bürgerkriegen zerfleischten, erwachte das Selbst 
bewußtsein der niederen Klassen, in deren Adern zum größten Teil das Blut der vorchinesischen 
Urbevölkerung floß. Laotse, der Zeitgenosse des Pythagoras, etwa fünfzig Jahre älter als Kungtse, 
wurde der Wortführer einer von diesen Schichten drohenden religiös^sozialen Revolution. Als 
er in hohem Alter enttäuscht und verbittert den Kaiserlichen Hof von Loyang verließ, an dem er 
Archivar gewesen war und mit seinen Reformplänen kein Glück gehabt hatte, und auf dem 
schwarzen Ochsen reitend den Paß der Kaiserlichen Domäne verließ, gab er dem Grenzwächter 
auf seine Bitte als sein Vermächtnis eine kleine aus 81 kurzen Kapiteln bestehende Schrift mit dem 
Titel: Das heilige Buch vom Tao und vom Te. Was später aus ihm geworden ist, weiß niemand. 
Wie Gautama, der Buddha, den brahmanischen Begriff des dharma usurpierte, um ihn in sein 
Gegenteil zu verkehren, so machte Laotse aus dem positiven und aktiven Tao der chinesischen 
Religion ein negatives, passives, nihilistisches. Es wird zum Weltgesetz der Indifferenz. In ihm 
hat er den Zustand des eigenen mystischen Tiefschlafs hypostasiert und diese subjektive Hypo= 
stase als objektives überkosmisches Prinzip außer sich gesetzt. Tugend aber, Te, nennt er das 
aus diesem passiven Zustand erfolgende passive äußere Tun. Denn nur das unbewußte Handeln 
ist tugendhaft. Indifferent läßt sich das Individuum leben, wie sich ein Stück Holz vom Wasser 
tragen läßt. Das ist das Wu Wei, das Handeln ohne zu handeln, weil der bewußte Wille aus^ 
geschaltet ist. 
Wieder einmal hatte die Entartung der Gebildeten den Unmündigen die gefährlichsten Waffen 
geliefert. Laotses Ideologie bedrohte die Wurzeln der ganzen chinesischen Zivilisation. Sie 
reichte der herrschenden Aristokratie das Aktivität und Selbstbewußtsein auslöschende süße Gift 
der mystischen Versenkung und suggerierte den Starken das Gefühl der Minderwertigkeit gegen 
über den Schwachen, denn das Ideal, an dem sie sich messen sollten, war der primitive Barbar 
der vorchinesischen Zeit und der durch seine Indifferenz Gott am nächsten stehende Kuli. In 
demselben Grade aber, in dem diese Ideologie durch Entwertung aller positiven Werte der oberen 
Klassen den Trägern der Zivilisation das Selbstbewußtsein aussaugte, mußte sie den unteren, den 
Trägern des mystischen Kuliideals, ein bis zum Größenwahn gehendes Selbstgefühl einflößen.
	        
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