Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

Einzelteile verschwindet dem entfernten Auge, und wie ein kostbarer Schmuck, nicht wie ein Aus 
sichtsgipfel lockt er im Kessel, selbst im kleinen Ausmaß eine Krönung. 
Man kann auch vom Flachland zu dem Borobudur kommen. Dann wölbt er sich sanft aus 
dem Boden, jede Palme scheint am Ende des Schaftes seine Formung zu wiederholen, irgendein 
Baumals letzter Vorposten des Waldes teilt seltsam asymmetrisch die Silhouette. Nur für nächste 
Betrachtung liegt er frei. Aber von den Brechungen der Terrassen und den Kreisbekrönungen 
der Höhe schweift das Auge wieder zur Vegetation. Den zarten Buddhaleibern der Nischen 
und den blutvollen Reliefs der Wände antwortet in der Ferne die farbige Fülle bewachsener 
Hügel, wuchernder Pflanzen und Blumen. Dem frommen Umwandler wird die tropische Gestalten 
welt, der ganze Reichtum des weiten Ausblicks zum Kultraum. Rückschauend verliert er den 
Blick auf die mühevollen Aufstiege, erfaßt mit dem Auge nahe die Symbole irdischer Fruchtbarkeit 
und Vergänglichkeit — Phallus und Wasserblase — und weithin Felder, Wälder und Berge, 
geschichtet wie der Borobudur, voller Abwechslung und doch einheitlich verbunden. Niemals fehlt 
der anschaulichste Hinweis auf die universalistische Grundlage der buddhistischen Lehre. Noch 
weiß man nichts von ihren javanischen Sonderformen. Aber sie scheint auf der Insel mehr als an 
irgendeiner Stelle des asiatischen Kulturkontinents mit dem ganzen Dasein der Bewohner ver 
bunden,- in den Reliefs sind Menschen, Tiere und Pflanzen gleich liebevoll dargestellt, Abbilder 
der großen Ordnung, die dem von dem Denkmal ins Weite gewandten Blick stets erfaßbar war. 
Die Naturalistik der Darstellung ist nicht Selbstzweck, nicht gelöst von der vegetativen Trieb 
haftigkeit, sondern geboren aus der vollkommenen Sicherheit des Menschen in seiner natürlichen 
Umgebung, Ausdruck eines glücklichen und beruhigten Zustandes, der wie in Griechenland 
Resultat günstiger morphologischer und klimatischer Voraussetzungen war. 
Unbeschreiblich ist die Reife der Ausgestaltung. Ohne daß die Größe der Gesamtanlage 
irgendwie verloren wäre, sind alle Bauteile in einen Reichtum plastischer und ornamentaler Formen 
aufgelöst, der den Vergleich mit der üppigsten Umgebung aushalten kann. Ja, die Unerschöpf- 
lichkeit der Erfindung fordert diesen Vergleich, gibt ihm die einzige Erklärung und Grundlegung. 
Die dämonische Triebkraft des künstlichen Gebildes kann nur in den natürlichen Wachstumsbedim* 
gungen restlos begriffen werden. Alfred Salmony,
	        

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