Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

anderseits aber infolge der kärglichen Natur die Unmöglichkeit einer höheren wirtschaftlichen und 
sozialen Eigenentwicklung, die dazu zwingt, den Überschuß an Kräften auf fremdem Boden zu 
entfalten, oder die künstliche Schaffung von Möglichkeiten für höhere Daseinsformen fremden, 
reicheren Mächten zu überlassen. Und darum durch die Jahrtausende immer das gleiche Bild der 
armenischen Siedlung. Inmitten der eintönigen Hochfläche, zwischen einigen Flecken Grüns das 
armselige Dorf mit den halb in die Abhänge eingebauten Häusern, darüber aber, Jahrhunderte 
alt, das monumentale Kloster, die bedeutende Kirche oder die mächtige Burg als Wahrzeichen 
geistlicher oder weltlicher Herrschaft, die von außen übernommen, aber national angepaßt und 
eigenlebig wurde,- oder die Ruinen ganzer künstlich geschaffener Städte, die nur solange lebten, 
als jene Mächte dauerten, die sie schufen, da sie nicht auf Grund eigener gesellschaftlicher Diffe= 
renzierung aus dem Mutterboden wuchsen, sondern von außen genährt wurden. 
Unten in der Grenzebene Persiens aber versinkt das Alte, um den Boden für das Neue abzu 
geben, oder um radikal ausgerottet zu werden und dem Neuen Platz zu machen. Die Kultur 
schichten überlagern einander oasenhaft mit immer neuem Reichtum wie die üppige Natur, die 
sich immer wieder selbst gebiert zu neuer Blüte und Frucht. So ist uns berichtet, daß Schah Safi, 
als er 1635 Erivan eroberte, alles zerstörte, was die Türken errichtet hatten, wenngleich deren 
Geist in den von den Persern errichteten Kunstdenkmälern sein Fortleben fand. Und so sahen 
wir diese persischen Paläste, Moscheen und Basare bereits wieder im langsamen Verfall, nachdem 
die Stadt 1724 abermals von den Türken, dann wieder von den Persern und schließlich 1827 von 
den Russen eingenommen wurde. Fürwahr, ein kleiner Ausschnitt ewigen Vergehens und Er- 
stehens im Bereiche des Berges, vor dem schon vor Tausenden eine neue Menschheit in Noah 
ihre Geburt feierte. 
Der Mensch wurzelt in seinem Mutterboden wie die Pflanze. Die Natur, aus der er erwuchs, 
bestimmt sein Schicksal und seine Seele. Und was er als Wille und Freiheit wertet, ist nur das 
Bewußtwerden und Bewußtsein seiner Bestimmtheit. Ein Kontrast in der Landschaft, ein Kon^ 
trast in den Lebensformen, ein Kontrast in der Seele. 
Was bestimmt die Seele des armenischen Hochlandbewohners? Nicht der Mikrokosmos einer 
üppigen Pflanzenwelt, nicht der frohe Wechsel farbiger Natur. Graubraun dehnt sich der vuL 
kanische Boden, kaum für wenige Frühlingswochen von zartem Grün überhaucht, das die Sonne 
Chtskonk <Besch-Kilisse> 
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