Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

ruht, mit denen aber auch der buddhistische Birmane in intimer, wenn auch meist diskret verborgener Fühlung 
steht. Abbilder von ihnen formt er nicht/ diese gibt es nur von den Deva und von einer dritten Gruppe 
tückischer Geister, die der Birmane Tase nennt und die wir als Gespenster bezeichnen würden. Das ist eine 
noch stetig im Wachsen begriffene Sippe/ sie rekrutiert sich aus den Seelen von Menschen, die durch »unreifen 
Tod«, wie Cholera, Pest, Kindbett, durch irgendwelchen Unfall, wie Blitzschlag, Absturz u. dergl. oder durch 
Gewalt ihr Ende gefunden haben. Sie gehen an der Stätte ihres Todes um, beunruhigen die Umgegend und 
quälen und bedrohen als unheilbringende Dämonen die Lebenden mit Krankheiten und anderen Übeln, wenn 
sie nicht durch Opfer beschwichtigt werden. Die Chronik dieser Nat knüpft an echt oder vermeintlich histo* 
rische Begebenheiten an, wobei sich oft die wunderlichsten Gründe für die Ernennung zum »Nat« heraus* 
stellen. In Thaton, einer alten Stadt des südlichen Birma, sind sogar Europäer, ein Portugiese, und dessen 
Sohn, zu dieser Ehre gelangt. Die Überlieferung sagt, daß die Stadt einstmals von diesen beiden regiert 
und beschützt wurde / ihre Tapferkeit und ihr wohltätiges Wirken ist im Gedächtnis des dankbaren Volkes 
lebendig geblieben, und so wendet es sich in allen Nöten mit Opfergaben an seine Schutzgeister um Hilfe 
oder um ein Zeichen. Das Lächeln, das man in solchen Fällen auf dem Gesichte des alten Mannes, des Nat 
Pho*Pho, sehen will, wird als günstiges Omen für den Ausgang der Sache gedeutet. Als im Jahre 1885 im 
englisch=birmanischen Krieg die Bewohner eben dieses Thaton*Distriktes, die Taungthu, in trüber Erinnerung 
an frühere Unterdrückung durch die Birmanen für die englischen Waffenerfolge zitterten, kamen sie in ihrer 
Herzensangst mit reichen Opfergaben zum Heiligtum ihres alten Schutzherrn, und sein lächelndes Gesicht 
beruhigte sie — war er ja doch selbst einmal ein Europäer! ®> 
Zur Besänftigung der übelwollenden Nat ist ein ausgetüftelter Opferdienst nötig/ dieser hat nichts mit dem 
Buddhismus zu tun. Die birmanischen Mönche sind offiziell Gegner der Natverehrung,- trotzdem nehmen sie 
keinen Anstand, wenn man sie ruft, mit beschwörenden Gebeten und frommen Sprüchen dem von den 
Geistern drohenden Unglück entgegenzuwirken. Auf diese Weise ergibt sich ein ergötzlicher Mischkult: 
in Haus und Feld so gut, wie in der nächsten Umgebung von Buddhastatuen und Pagoden siedeln sich die 
Nat an. Gerade zu Pagan, an der Stätte, wo ein tatkräftiger Herrscher des 11. Jahrhunderts, der durch ein* 
schneidende Reformen den Buddhismus von eingewurzelten Schäden reinigte und zu höchster Blüte brachte, 
die Aufrichtung einer Fülle religiöser Prachtbauten anbahnte, erstand dem Natkult ein Zentrum. Inmitten 
des weiten Ruinenfeldes, das mit Tempeln und Pagoden besät ist, steht die Adwinzigon*Pagode, die 
heute noch in Stand gehalten und von den Birmanen zum Kult benutzt wird. In einer der vier um die 
Pagodenkuppel gereihten kapellenartigen Nischen hat man einer Buddhafigur zwei Nat zur Seite gestellt 
<Abb. 3>, menschliche Gestalten mit großen Ohrpflöcken, wie sie früher gebräuchlich waren. Daß sowohl 
<Abb. 3> Buddha zwischen zwei Natfiguren. Adwinzigon*Pagode, Pagan 
s > Vgl. O'Connor, Mandalay (London 1907) p. 340ff.
	        
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