Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Original aufgestellt werden. Sie sind die Beute eigener Kopfjagden, und der leitende Gedanke ist, durch 
Aufstellung des Schädels den Geist des Getöteten an den Ort zu bannen, um dem Besitzer gute Ernte und 
andere Vorteile zu sichern.*) Damit wird klar, daß die oben geschilderten befremdenden Bräuche der Taman 
wiederTaungbyon-Birmanen — und mit dem weitverbreiteten Bauopfer verhält es sich genau so — Ersatz 
riten sind, die mit ungezählten Parallelen aus der Religionsgeschichte zu belegen sind. 
Das Institut für vergleichende Kunstwissenschaft an der Wiener Universität 
Noch ist ein Menschenalter nicht ganz verflossen, seit Hubert Janitschek in seiner Leipziger 
Antrittsvorlesung, die »Die Kunstlehre Dantes und Giottos Kunst« behandelnd <4. Mai 1892) 
sich bemüßigt fühlte, auch für die Anerkennung der Kunstgeschichte an der Universität eine Lanze 
zu brechen. Sie wurde damals als Hilfswissenschaft der Geschichte zugelassen und geduldet, an 
einem Platze, den ihr Anton Springer erobert hatte, als einer Wissenschaft, der als »Ausschnitt 
aus der Geschichtskenntnis eines Volkes, einer Zeit, im akademischen Lehrplane eine nicht minder 
notwendige und berechtigte Stellung zukomme, als der Geschichte der Religion, der Literatur, 
der wirtschaftlichen Verhältnisse, um die politische Geschichte zur wirklichen Kenntnis eines Volkes, 
eines Zeitabschnittes zu ergänzen.« Nirgends wurde die Kunstgeschichte so fest als Hilfswissen 
schaft in ein wohlorganisiertes, allseits ausgebautes, historisches Institut eingegliedert als im Wiener 
»Institut für Geschichtsforschung«, an dem sie sich denn auch unter der Führung von Gelehrten, 
wie Wickhoff, Riegl und Dvorak eine vorbildliche Stellung erwarb. 
Nun wurde wiederum von Wien aus der zweite entscheidende Schritt getan, ein Schritt, der 
in Wahrheit ein Kampf war und noch ist: Die Emanzipierung der Kunstgeschichte aus den Fesseln 
der Hilfsdisziplin zur unabhängigen, freien, selbständigen Wissenschaft, die, den Spieß umkehrend, 
sich die anderen Fachwissenschaften als Hilfen unterordnet, soweit sie sie benötigt. 
Diesen Schritt tat Joseph Strzygowski, der bald nach seiner 1909 erfolgten Berufung an die 
Wiener Universität aus einem anfänglichen Seminare ein Institut gestaltete, das seine wenigstens 
grundsätzlich auf Erforschung sämtlicher Kunstgebiete der Erde eingestellte Richtung schon im 
äußeren Aufbau zeigt. Es enthält folgende, räumlich geschiedene Abteilungen. 
I. HISTORISCHE ABTEILUNG: 1. Die engere Heimat, also im gegebenen Falle Wien 
und die österreichischen Alpenländer,- 2. Westeuropa, also jenes Gebiet, dessen Kunst bisher 
an den Universitäten einzig und allein berücksichtigt wurde,- 3. Osteuropa, das sind die von 
der Linie Danzig—Triest östlich gelegenen europäischen Länder vornehmlich orthodoxer Religion, 
also das alte Byzanz, dann Rußland und die Länder des Balkan mit seinen kunsthistorisch besonders 
wichtigen ehemals österreichischen Küstenstreifen von Dalmatien, aber auch noch Ravenna und 
die lombardischen Denkmäler, Italien, sowie die Völkerwanderungskunst, die zeitlich und ihrem 
Geiste nach dieser Abteilung am besten eingeräumt werden konnte,- 4. Westasien mit den 
Kunstkreisen von Kleinasien, Armenien, Mesopotamien, Persien, Syrien, Ägypten, Nordafrika, 
mit Ausschluß der eine eigene 5. Abteilung bildenden Denkmäler des Islam, die alle Länder dieser 
Weltreligion umfaßt,- 6. Ostasien, das vom Buddhismus aus als Einheit genommen, Indien, 
Zentralasien, China und Japan vereint. 
II. SYSTEMATISCHE ABTEILUNG: Sie bildet nach Strzygowskis eigenen Worten 
<vergl. Die Geisteswissenschaften Bd. I, Heft 1> die Seele des ganzen Institutskörpers insofern, 
als jeder auf historischem Boden geschulte Mitarbeiter verpflichtet ist, seine Erfahrungen rein 
künstlerischer Art in diese Abteilung zu tragen und ihre Ziele als die grundlegenden der kunst 
geschichtlichen Forschung der Zukunft stets vor Augen zu haben. Diese Abteilung gliedert sich 
wieder in fünf Gruppen 1. Material und Technik,- 2. Gegenstand <in den angewandten Künsten 
der Zweck),- 3. Gestalt,- 4. Form und 5. Inhalt. 
®> Vgl. R. Grant Brown, The pre- Buddhist religion of the Burmese: Folk-Lore 1921, p. 87f. u. die dort zitierte Literatur.
	        
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