Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

der Lehrer weder durch die Art ihrer Universitätsvorbildung in der Lage war, ihm nachzukommen, 
noch die praktischen Mittel dazu hatte. Hier eröffnet sich meines Erachtens dem Museum eine 
eminente Aufgabe. Es hat dem kulturgeschichtlichen Unterricht eben jene Mittel zu liefern. 
Der Kulturgeschichtsunterricht der Zukunft wird, ausgehend von der reinen Anschauung, in 
Längs- und Querschnitten aufsteigen bis zur reinen Abstraktion, der Soziologie. Mit andern 
Worten heißt das: Nicht mehr als eine Reihe aufeinanderfolgender Biographien und Geschehnisse 
wird man Geschichte lehren, sondern einmal in Längsschnitten, nach Themata, z. B. Kaisertum und 
Papsttum, Kaisertum und Territorialfürsten, Entwicklung des Königtums in Frankreich, die Ex 
pansion Frankreichs nach Italien und Deutschland usw., und dann in Querschnitten und Lebens* 
kreisen, z.B. Mittelalter, Renaissance, Barock usw. oder Ritter, Zünfte, Lehenswesen, Handel, 
Rechtspflege. Während auf der Unterstufe die rein sinnliche Anschauung ausschließlich spricht, tritt 
diese gegen das Ideelle im Laufe der Jahre immer mehr zurück, bis der Bau in der reinen Abstraktion, 
der Soziologie auf der Oberstufe seine Krönung findet. Sehr verschieden von dem Gesagten wird 
der kulturgeschichtliche Unterricht der Zukunft nicht sein können, ohne entweder unverständlich 
oder langweilig zu werden. Grundsatz muß sein: nichts in denVerstand, was nicht in der Anschauung 
war! Dies bezieht sich vorwiegend auf die Querschnitte, und hier hat das Museum die Haupte 
aufgabe zu leisten. Nirgends objektiviert sich der Geist einer Epoche reiner als in der bildenden 
Kunst. Nicht in den Flaxmannschen Umrißzeichnungen oder in modernen Illustrationen soll der 
Quartaner die Griechen kennen lernen, sondern in den schwarzbärtigen Helden der Vasenbilder, 
den Ausgrabungen von Knossos und Tiryns, den furchtbarschönen Furtwänglerschen Rekon* 
struktionen des Äginatempels. Ein solches etwas indianerhaftes Griechentum entspricht auch weit 
mehr den Bedürfnissen dieser Jahre nach wildromantischen Erlebnissen als die kühle Darstellung 
der Schulbücher. Kann ich auf einem Cassone die Paläste und Plätze der Florentiner zeigen in 
ihrer Weiträumigkeit und dem Ebenmaß ihrer Abmessung, gegenüber den voraufgegangenen 
schmalbrüstigen gotischen Häusern mit ihrer kleinen Tür und den regellos aus der Mauer hervor* 
brechenden Fenstern, kann ich das Kostüm der Menschen weisen, die darin wohnten, wie sie gingen 
und standen, ihr Möbel, das sie sich gemäß hielten, so ist es eher möglich, das unerhört Neue 
eines Lorenzo il Magnifico, eines Caesare Borgia, eines Julius II. durchempfinden zu lassen. Die 
ganze Macht der nachtridentinischen, sich in ungeahnter Großartigkeit entfaltenden Kirche kann 
nicht besser exemplifiziert werden als in der rauschenden Pracht des Jesuitenbarocks. Nicht als 
Künstler, als Mann des Lichtproblems, auch nicht als tragischer Held soll Rembrandt gezeigt werden, 
sondern als Vertreter des bürgerlichen protestantischen Hollands, einem Rubens gegenüber, dem 
Vertreter der katholischen Südstaaten. Der bürgerliche Rationalismus eines Calvin liegt ebenso 
in den Schützen- und Gildenbildern und in der ganzen transportablen Wandschmuckmalerei der 
Holländer des 17. Jahrhunderts, wie die düstere Glaubensglut eines Philipps II. oder Philipps III. 
in der Kunst eines Murillo undGreco. Nicht die Raubkriege sind das Wesentliche in der Geschichte 
Ludwigs XIV., sondern die in ihm vollzogene letzte Ausprägung des zur höchsten Transzendenz 
gesteigerten monarchischen Prinzips. Nicht nur in der Wirtschaft kann man den Schüler dies sehen 
lassen, im Merkantilsystem, sondern gerade in der Kunst ist die klarste Formung gegeben. 
Kann die Architektur nicht benützt werden, wo voluntaristisch die Risaliten des Palastes vor 
gezogen werden, die Kolonaden weite Plätze schaffend, unbekümmert und souverän die mittels 
alterlichen Häusermassen mit ihren Armen zurückschieben, so kann doch in den Barocksälen der 
Museen das Maß und die Folie gezeigt werden, deren die Allongeperücke und der talon rouge 
bedurften. Wenn unter der Regence an Stelle der großen Saalfolgen die petits appartements ge 
baut werden, die Möbel niedriger werden wie die Absätze und die Perücken, wenn die Menschen* 
typen auf den Bildern einfacher werden und zierlicher, so ist das nicht nur eine Angelegenheit der 
Kunstgeschichte, sondern auch eine kulturgeschichtlichedenn ein stark bürgerlicher Einschlag
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.