Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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sein Gleichgewicht zu verlieren drohte, entschloß 
ich mich eines Sonntags noch einmal eine kleine 
Gesellschaft bei guten Bekannten zu besuchen. 
Dort lernte ich durch Zufall meine spätere Frau 
kennen. Sie flößte mir Vertrauen und Liebe 
ein, ich besuchte sie häufig und nach kurzer 
Zeit schon faßte ich den Entschluß zu heiraten,, 
durch diese Verbindung kam ich in gesicherte 
Verhältnisse. Das war im Herbst 1904. 
Durch meine Ehe war so viel neues Glück 
über mich gekommen, daß ich bald wieder den 
Anreiz zur Arbeit in mir fand. Jetzt entstanden 
Serien harmonisch ausgeführter Blätter, welche 
ich, um sie abwechslungsvoller und reicher zu 
gestalten, in zart abgestuften farbigen Tönen 
hielt. Hatte ich mich früher auf grau und nah 
verwandte bläuliche, bräunliche und grünliche 
Nuancen beschränkt, so nahm ich nun gelb, 
grün, orange, verschiedenes Rot usw. in meine 
Skala auf. Das ging so eine ganze Weile fort, 
ich glaube ein halbes Jahr, dodi muß ich er 
wähnen, daß die gleichsam aus dem Unbewußten 
wie Hellgesichte auftauchenden bildhaften Vi 
sionen immer seltener und schwächer wurden, 
um endlich ganz auszubleiben, was mir, da um 
dieselbe Zeit auch meine Frau erkrankte, einen 
Kurort aufsuchen mußte, und mich allein haus- 
halten ließ, im ganzen eine innere Unzufrieden 
heit gab. 
Um mich aus diesem Trüben herauszureißen und mir zu neuen Eindrücken zu verhelfen, fuhr 
ich nach Wien,- hier war es, wo ich im Hofmuseum die Bilderreihe des alten Breughel sah. Dieser 
Tag gehörte zu den reichsten meines Lebens und wenn ich schon erzählte, daß der erste Besuch 
der alten Pinakothek mich in eine staunende Ekstase gebracht hat, die mich zuerst in den Himmel 
hob, um mir nachher das Bewußtsein meiner Nichtigkeit diesen ewigen Werken gegenüber nur 
noch deutlicher zu machen,- wenn ich später sagte, daß meine Bekanntschaft mit Klingers Frühwerk 
meinen äußeren Weg entschied, indem sie mich der Graphik zuwies, hier war das Erlebnis 
ein ganz anderes. Es ist nicht etwa nur das Gegenständliche, was mich bei diesem Meister so 
anspricht, sondern vor allem das Elementar-Visionäre seiner Kunst, das aus dem Unbewußten 
auftaucht und mit beinahe nüchtern,- einfachen Handwerkermitteln die Glut der Gestalten wunder 
bar bändigt. 
In Wien hatte mir Kolo Moser eine Technik gezeigt, bei der man mit Kleister vermischte Aqua 
rellfarben zu eigentümlichen, sehr schönen farbigen Wirkungen verhelfen konnte. Ich beschäftigte 
mich eingehend mit dem neuen Verfahren und es gelangen mir eine ganze Reihe in allen Farben 
schillernder und funkelnder Bilder. Zauberländer, Blumen, Fische und Vögel, wie in einen 
Regenbogen getaucht, orientalische Kostüme,wie aus Schmuck und Schmetterlingsflügeln zusammen 
gesetzt, konnte man besonders gut geben.
	        
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