Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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weithinausschweifendsten unserer modernen 
Dichter, Paul Sdieerbart, schwärmte, und daß 
wir einander ganz barocke, gar nicht philister 
hafte Briefe schrieben. 
Ich malte ungefähr 20 solcher Bilder und die 
wenigen Freunde, die sie bisher sahen, waren 
sehr erstaunt, vermochten sich aber zu diesen 
monströsen Ausbrüchen noch nicht klar zu 
stellen. Nur so viel, man wollte abwarten! 
Und ich war um eine Hoffnung ärmer! Denn 
als der neue Rausch vergangen war, mußte ich 
mir selbst sagen, daß dieses System unmög^ 
lieh die Basis zu einer dauernden Weiterarbeit 
abgeben könne. 
Bei meiner Arbeit war ich wieder an einen 
Wendepunkt gekommen. Aller Formen- und 
Farbenexperimente war ich überdrüssig und griff 
nun zu dem vollkommensten Gegensatz meiner 
Arbeitsweise, indem ich mich an die flächige und 
harmonische Kompositions weise der jungen fran 
zösischen und deutschen Künstler hielt, die von 
Gauguin ihren Ausgang genommen haben. Ich 
verzichtete auf alle Originalität, ich wehrte mich 
sogar mit aller Kraft dagegen. Alles was ich 
anstrebte war, schlicht und in aller Demut der 
Kunst zu dienen. 
Bei einem Besuch in München lernte ich, wie 
gerufen, den Benediktinerpater Willibrord Ver^ 
kade kennen, welcher ein persönlicher Freund 
Gauguins und seines Kreises gewesen war. 
Dieser moderne Maler im geistlichen Gewand interessierte sich warm und auf die liebenswürdigste 
Art für meine Produktion und schickte mir auch zu meiner Unterstützung eine Kiste mit Studien 
der Denis, Bonnard, Serusier, Filiger u. a., dem Kreise Angehöriger nach Zwickledt. So kam ich 
in dieses mir eigentlich fremde Fahrwasser und unterwarf mich willig der Suggestion, im Grunde 
aus bloßer Lust am Gegensatz. 
Eines Tages geschah es, daß mir war, als hätte ich mich dadurch in eine Zwangslage begeben, 
und in einem Nu warf ich alles so schön Aufgebaute um und geriet in einen moralischen Katzen 
jammer, dem leider auch ein physischer folgte, denn ich bekam eine langwierige Darmkrankheit. 
Um diese Sorge von mir abzuschütteln und um Hypochondieren zu entgehen, machte ich im 
Herbst 1907 eine Reise, die mich bis Bosnien und Dalmatien brachte. 
Beim Zurückkommen erkannte ich dann mit wahrem Entsetzen, daß mein seit einiger Zeit 
kränkelnder Vater raschen Schrittes dem unabwendbaren Tod entgegenging. Er starb am2.Novem- 
ber 1907. Den Eindruck dieses Verlustes habe ich bis heute noch nicht überwunden. Ich muß 
jede Erinnerung daran mit Gewalt unterdrücken. Meine äußere Lage wurde damals noch ver 
schlimmert durch die neuerliche schwere Erkrankung meiner Frau, die zu ihrer Genesung verreisen 
mußte. Ich blieb also ganz allein in Zwickledt und meine trübselige Einsicht verscheuchte jeden 
Funken von Arbeitslust. In jenen schweren Tagen verkohlte gewissermaßen der größte Teil meiner 
Die Erzeugung des Homunculus
	        
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