Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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heftigen Lebensbegierden und an die Steife wilder Gefühlsschwankungen trat ein sanfteres Wesen,- 
seither ist es mir gar nicht mehr möglich, mit alter feuriger Kraft, Furcht, Wunsch oder Hoffnung 
zu fühlen. Um diese Sensationen bin ich ärmer geworden. 
Im nächsten Vierteljahr arbeitete ich weniger, las dafür die Schriften verschiedener alter Mystiker 
des Abends* und Morgenlandes, die mich von jeher anregten, gab mich der Beobachtung meiner 
verschiedenen Tiere hin, darunter ein munterer Affe, ein zahmes Reh, Katzen, Aquarien und Käfer* 
Sammlungen, und streifte stundenlang in Wald und Feld umher,- erst nach und nach griff ich zum 
Bleistift und füllte ein Dutzend Notizhefte mit meinen Einfällen,- jede Skizze bestand nur aus ein 
paar Strichen, es war mehr Spielerei als Ernst. 
Unter solchen Beschäftigungen vergingen Frühjahr und Sommer und es wäre trostlos für mich 
gewesen, wenn sich in meinen Entwürfen nicht deutlich etwas Neues bemerkbar gemacht hätte. 
Ich sah zu meiner Freude, daß ich jetzt unvergleichlich viel sicherer zeichnete als in früheren Perioden. 
Die wesentlichen Punkte, auf die es ankommt, um einen Eindruck zeichnerisch lebhaft zu gestalten, 
fand ich jetzt viel klarer und bewußter als bei meiner alten, seltsam monomanischen Arbeits* 
weise. Doch, wie gesagt, der Keim war da, aber die rechte Lust fehlte, und um dieser tristen 
Stimmung aufzuhelfen und vielleicht den nötigen Ruck wieder zu bekommen, reiste ich im Herbst 
mit meinem Freunde, Fritz von Herzmanowsky, nach Oberitalien und Venedig. Ich gab mich 
allen Reiseeindrücken ganz wahllos hin und schon auf dem Heimweg — am Gardasee — spürte 
ich ein zitterndes Verlangen, mich wieder zeichnerisch zu betätigen,- was es werden sollte, wußte 
ich selbst noch nicht, wollte auch noch gar nicht daran denken. Aber deutlich merkte ich, wie ich 
die ganze Umwelt mit neuen Augen ansah, wie ein innerer Glanz in mir lebendig wurde. Voll 
Eifer und Sehnsucht kam ich zuhause an. Als ich dann eine Zeichnung anfangen wollte, ging es 
absolut nicht. Ich war nicht imstande, zusammenhängende, sinnvolle Striche zu zeichnen. Es war, 
wie wenn ein vierjähriges Kind zum erstenmal die Natur abkonterfeien sollte. Diesem neuen 
Phänomen stand ich erschrocken gegenüber, denn, ich muß es wiederholen, ich war innerlich ganz 
und gar mit Arbeitsdrang gefüllt. Um nur etwas zu tun und mich zu entlasten, fing ich nun an, 
selbst eine abenteuerliche Geschichte auszudenken und niederzuschreiben. Und nun strömten mir 
die Ideen in Überfülle zu, peitschten mich Tag und Nacht zur Arbeit, so daß bereits in 12 Wochen 
mein phantastischer Roman »Die andere Seite« geschrieben war. In den nächsten vier Wochen 
versah ich ihn mit Illustrationen. 
Ich las das Manuskript zuerst meinem Schwager, Oskar A. H. Schmitz vor, dem ich in diesen 
Dingen eine große Urteilskraft zugestehe. Mein Werk gefiel ihm zu meiner Freude ausnehmend 
gut und er bürgte mir gewissermaßen für seine Qualität. Im Sommer erschien dann das Buch bei 
Georg Müller und‘hat mir viel Anerkennung gebracht. »Die andere Seite« steht im Wendepunkt 
einer seelischen Entwicklung und deutet das versteckt und offen an vielen Stellen an. 
Einige Zeit nach diesem mich so klärenden Zwischenspiel fühlte ich mich sehr erleichtert und 
schaffensfroh und ging wieder an die Arbeit. Meine künstlerischen Fähigkeiten und ihre Grenzen 
erkannte ich jetzt klar. Ich weiß, ich besitze kein starkes formales Talent und gewisse Härten werden 
meinen Arbeiten wohl immer anhaften,- ich bin nächst Künstler Grübler, Seher. Meine neuen 
Probleme, die mich aufs äußerste fesselten, waren beim rechten Licht betrachtet wieder die alten, 
aber — durch ein rein künstlerisches Medium gegangen. Eine weitere bemerkenswerte Änderung 
im Stofflichen war, daß das Darstellen absurd komponierender Phantastik, wie beispielsweise 
Schweine mit Heiligenscheinen, Häuser mit großen Ohren, Vulkane, denen Blutfontänen ent* 
springen usw., nun nicht mehr diesen starken Reiz wie einstauf mich ausübten. Vielleicht ist diese 
Art der Phantastik überhaupt ein jugendliches gärendes Stadium mancher Phantasie. Jetzt waren 
es nicht mehr die rein persönlichen Herzensnöte, die aus mir schrieen, und auf sonderbare, ruck* 
artige Weise in Visionen sich auslösten, jetzt ergriff mich mehr das allgemeine Leben, das zu
	        

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