Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

72 
Da kam im August 1914 das Schreckliche. Welcher Künstler, ja überhaupt welcher Mensch hätte 
zu prophezeien gewagt, daß eine solche Flut von Hass, Wut und Starrsinn, wie sie nun herein 
brach, noch möglich wäre? Wie Aasgeruch umwehte es mich in meiner einsamen Lage, und eine 
entsetzliche, langwährende Trauer und Niedergeschlagenheit ließen mich die ersten vier, fünf 
Monate des Krieges nicht mehr los. A. v. Heymel, Scheerbart, Max Dietzel, Weißgerber und viele 
jüngere Bekannte, das Ende aller dieser wurde durch diesen unausdenkbaren Wahnsinn hervor^ 
gerufen oder beschleunigt. 
Von Zeit zu Zeit gab ich mir einen energischen Ruck und fand dann wohl auch das großartige 
der stillen, förmlich entvölkerten Landschaft, in der ich lebe. Ich sammelte meine Kräfte und’ machte 
in den Jahren 1915/16 meinen »Totentanz« nach Einfällen, die ich seit langer Zeit mit mir herum 
trug und die immer einfacher wurden. Ich wählte 24 Blätter aus dem ganzen aus, und diese Folge 
wird von Bruno Cassierer in Berlin verlegt werden. 
Äußere Zerstreuung, eine Reise oder einen Freundesbesuch konnte ich mir nicht schaffen, weil 
der Schutzmann, diesmal als Kriegsgott drapiert, jedem derartigen Versuch Schranken entgegensetzte. 
Die verborgene, zusammengepreßte Wut mußte sich jedoch irgendwie Luft schaffen und ein paar 
traurige Zufälle gaben den Anlaß zu jener wunderbaren Krise, die ich jetzt schildern will. Auf 
einer Unglückspostkarte wurden mir gleich zwei schreckliche Nachrichten mitgeteilt, der Schlachtentod 
meines lieben Kollegen Franz Marc und der Selbstmord durch Gift einer mir bekannten Dame in 
Paris. Ich las in jenen Tagen gerade das sehr eindringlich abgefaßte Werk über die Lehre Buddhas 
von Hermann Grimm. Meine seelische Erschütterung stürzte sich nun, lawinenartig anwachsend, 
auf das Nächste, auf den Buddhismus. In wenigen Stunden belebte sich mir diese alte Lehre so 
unerhört plastisch, so hinreißend, daß mir alles übrige »Schleier der Maja« wurde, mein Denken 
und Schaffen zum Wissenswahn, mein Leben zum Daseinswahn. 
Ich zog mich von meiner Umgebung, selbst von meiner Frau, zurück, brach allen Briefwechsel 
mit Verwandten und Freunden ab und machte einige letzte Verfügungen über meinen Besitz, der 
mir, wie meine Kunst ganz gleichgültig, fremd geworden war. Meine Frau bat mich, wenigstens 
im Hause zu schlafen, und so richtete ich mir einen kleinen Raum, in welchem ich nur einen Strohsack 
und einen Waschtisch ließ, als »Zelle« ein. Meist war in mir eine eigentümliche süße Leichtigkeit,- 
sehr früh erhob ich mich, säuberte meine Kleider und machte in der Zelle, die außer mir niemand 
betreten durfte, Ordnung. Ich aß weniger als sonst, möglichst kein Fleisch, und wanderte stunden^ 
lang bei jedem Wetter umher. Einmal entfernte ich bei Regen tausende von Würmern von der 
Landstraße, damit sie nicht umkämen. Ich war meist sehr glücklich, vor jeder Zerrissenheit gefeit, 
und erlebte in einer Dauerekstase solche Ungeheuerlichkeiten, wie ich sie mir früher oft für meine 
Bilder ausgedacht hatte und wie sie die Legende etwa dem Heiligen Antonius zuschreibt. Manchen 
Tag war in mir ein fortwährendes Hallen von vielerlei Schritten, die sich näherten oder entfernten, 
ein Sausen, Schreien und Gebrüll wie von einer großen Menschenmasse. Sprach ich mit Leuten, 
so bekam alles einen Doppelsinn, das gewöhnlichste, alltäglichste war merkwürdig. Steine, Kot 
haufen, Baumstämme u. dergl. waren von einer so ungeheuren Formkraft erfüllt, daß ich, obgleich 
mir froh und lind zumute war, kaum hinzusehen wagte, weil alle diese Gegenstände mir wie 
Gespenster und Larven vorkamen, die mich angrinsten. Die tollsten unwahrscheinlichsten Vorgänge 
eignen sich nicht zur offenen Mitteilung, sind in vielen Fällen überhaupt nicht schilderbar. 
Kaum zu beschreiben sind auch die Nächte. Grimms Buch legte ich schon in den ersten Tagen 
beiseite und griff zu der Sammlung der Reden Buddhas, die ich schon besaß. Ich las daraus am 
Abend ein oder zwei Suttas, löschte das Licht, und — indem ich die empfohlenen Atemübungen 
begann, blieb ich in tiefster Betrachtung versunken, meist ausgestreckt auf dem Rücken liegend bis 
zum grauenden Tag. Geschlafen habe ich diese ganze Zeit niemals, doch umfing mich öfters ein 
angenehmes weiches Dämmern.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.