Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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die Lineale das Wrack eines Zeichentisches, die dreibeinige Kommode, mit einem Wort alle hölzernen Möbel 
wurmstichig und morsch waren. 
Wie sah ich selber aus? Sonderbar genug! Na, wenigstens liefen auch andere, sonst adrett und sauber 
gekleidete Leute nun recht verlottert herum. Schimmel an Kleidern und Schuhen hatten wir alle. Da half 
kein Waschen und Schaben, es kam schnell wieder nach. Die Kleiderstoffe wurden mürbe, faserten und 
fielen stückweise von uns. Wir Männer ertrugen das mit Würde, doch die armen Damen! . . . schweigen wir! 
Eine größere Veränderung trat ein, als die Häuser nicht mehr recht bewohnbar waren. Zu ebener Erde 
gings noch, Stiegensteigen aber erforderte wilden Mut. 
Als mir eines Tages der Kellner ein faules Ei, eine trübe Flüssigkeit in einer zerbrochenen Bierflasche und 
einen fetten, 
schmierigenLap* 
pen —■ wohl als 
Serviette gedacht 
— vorsetzte, da 
riß mir die Ge* 
duld und ich rief 
nach dem Wirt. 
Dieser war ge* 
rade damit be 
schäftigt, im 
Hintergründe 
mitdenTeilendes 
Billards die De* 
cke zu stützen. 
»Was soll 
das!« herrschte 
ich ihn an, »an 
diesem Bestecke 
sitzt Tin Pfund 
Grünspan. Die 
ses ekelhafie 
Zeug und den 
Schmierlappen 
nehmen Sie ge* 
fälligst fort!« Er 
verbeugte sich 
und wimmerte: 
»Ach, das Per* 
sonal, werter 
Herr!« 
»Schon gut,« 
winkte ich erbost 
ab, stand auf, 
nahm meinen 
verschabten Zy* 
linder und ver 
ließ das Cafe. 
Auf der Stelle, 
wo ich gesessen, 
hatte sich eine 
kleine Ameisen* 
kolonie gebildet. 
In das Kaffee* 
haus ging ich nur 
noch aus Ge* 
wohnheitsdrang. 
Es war zu un* 
appetitlich, als 
daß man mehr 
als einen schwär* 
zen Kaffee hätte 
genießenkönnen. 
Anton war sehr 
zu seinem Nach* 
teil verändert, er 
hatte ungewa* 
schene Hände 
und roch auf gro* 
ße Distanzen. So 
wie Anton 
brauchte man 
doch nicht he* 
rumzulaufen. 
Die an ihm haf* 
tende Schmutz* 
kruste nannte der Friseur »Materie«. Es war einfach ekelhaft! Um so mehr erstaunte ich, als ich einmal 
abends beim Heimkommen ein leises Kichern im Hausflur hörte, und beim Ableuchten aller Winkel, da ich 
irgendwelche Tiere vermutete, hinter der Speichertür Herrn Anton in liebender Umarmung mit Melitta an* 
traf. Sie fand bald darnach ihren Tod. In ihrem Schlafzimmer wurde sie mit zerrissenem Leibe aufge* 
funden. Die verriegelte Tür mußte erbrochen werden. Eine kolossale Dogge war mit eingesperrt. Das 
tolle Tier stürzte sich mit gesträubtem Haar auf die Eindringlinge und verletzte zwei Polizeimänner durch 
Bisse, bevor es erschossen werden konnte. Die beiden starben bald nachher an Hundswut. In ihren letzten 
Lebenstagen waren von der einstigen Schönheit Melittas nur noch karge Reste zu sehen gewesen. Ver* 
geblich hatte sie durch übertriebenes Schminken und Pudern die Zeichen ihres Wandels zu maskieren gesucht. 
Mysterium
	        

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