Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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herausragte, zu blasen anfing. Ein Alligator wies mir die Zähne. Beim Heimgehen überdachte ich einen noch 
gut abgelaufenen Unfall, welcher sich tags vorher ereignet hatte. Schon lange hatten Gerüchte über einen 
riesigen Tiger zirkuliert, ein trächtiges Weibchen, das sich im Palaste auf halten sollte,- verschiedene Menschen 
behaupteten, seine stumpfe Schnauze und den gestreckten Rücken an der Fenstergalerie gesehen zu haben. 
Tatsächlich war tags vorher eine solche Bestie in den Terrassensalon Alfred Blumenstichs gesprungen. Die 
Dame des Hauses, rundlich und fett, fiel beim Anblick des wilden Tieres lautlos in Ohnmacht — man saß 
gerade bei Tisch und Professor Korntheur war zu Gast. Dieser würdige Herr zeigte in dem furchtbaren 
Augenblick bemerkenswerten Heroismus. »Bleiben Sie ruhig«, sprach er aufstehend zu dem entsetzten Gatten, 
»auch die schlimmsten Raubtiere unterordnen sich dem um soviel höherstehenden Menschen, sie fühlen Ehr^ 
furcht vor seiner aufrechten Haltung und fürchten seinen edlen Herrenblick«. Damit trat er auf das Tier zu 
und nahm seine Brille ab. War es nun die Seltsamkeit der steifbeinigen Gelehrtenerscheinung oder sonst etwas, 
kurz, abermals klirrten und zersplitterten die Glasscheiben und der Tiger sprang hinaus, leider mit der 
Frau Kommerzienrat im Rachen. Blumenstich rang die Hände: »GroßerGott, verschone meine Julie!« wimmerte 
er. Von der Dienerschaft mit Flinten verfolgt, schleppte der Tiger die Ohnmächtige zum Palast. Auf der 
Straße trat alles höflich zur Seite. Die schleunigst requirierte Feuerwehr versuchte der gestreiften Bestie die 
Beute abzujagen. In einem großen Saale des ersten Stockwerks hörte man den Räuber. Wütend fauchte er 
die ihm nachkommenden Retter an,- Schießen war unmöglich, wie leicht hätte man Frau Blumenstich treffen 
können. So war es eine gute Idee, das Tier mit der Feuerspritze zu verscheuchen,- das half. Der geduschte 
Tiger ließ sich bewegen, aus seiner Saalecke zu kommen, doch dabei vergaß er nicht sein Opfer. Mit einem 
enormen Satz flog er zum hohen Bogenfenster hinaus. Entsetzt schrien die Leute, doch Gott hatte Erbarmen 
mit dem Gatten. Frau Blumenstich blieb an einem Fensterhaken, dem ganzen Platze sichtbar, hängen, die 
Röcke über dem Kopf, aber gerettet. Der Tiger entschlüpfte in der allgemeinen Freude. 
Aus dem Roman »Die andere Seite« von Alfred Kubirr. Verlag Georg Müller, München. 
Urschlamm
	        
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