Full text: Die weissen Blätter (3(1916),1)

‘tßeocfor Däußier • Simußtanität 
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an den auftreterischen Römer David zu wissen. Eigentümlich: in 
frühem stileinheitlichen Zeiten gewährte der einzig herrschende Stil 
allen Temperamenten Obdach/ nun aber ist es anders: jedes Tem* 
perament schließt sich an seinen Lieblingsstil an. Desto wichtiger, daß 
der klassische miterhalten bleibe, wenn neue Ausdrudksweisen über 
uns hereinzubrechen scheinen! Vielleicht setzen wir bloß die Simul* 
tanität der Stile für die Simultanität im Stile, 
Betrachten wir die Erhaltung der Klassik in Frankreich noch weiter; 
Paul Chenavard hat Massenwirkungen von Menschen und Genien 
für die Ausschmückung des Pariser Pantheons zusammenzuhalten ge* 
wußt. Nur überkommne Kenntnisse konnten so ein Gesamtgebilde 
überhaupt ermöglichen. Leider kam es nicht zur Ausführung des 
Werkes. 
Chasseriau, ein michelangelesker Freskotechniker, war ein gewal* 
tiger Vorläufer von Puvis de Chavannes. Seine Hauptwerke befan* 
den sich leider in der Cour des comptes und sind abgebrannt. Was 
gerettet werden konnte, steht im Louvre, Fresken von ihm gibt's in 
verschiedenen Pariser Kirchen, 
Couture soll nicht übergangen sein. Er konnte Riesenflächen groß* 
artig ausfüllen: auch war er der Meister einer ganzen Generation. 
Cabanel dürfen wir hier auch nicht vergessen. Er war kein nüchterner 
Akademiker, sondern ein lebhaft begabter Klassizist, Sein Land* 
sdiaftliches ist sogar häufig voll von davongrünenden Unsagbarkeiten. 
Puvis de Chavannes: der größte Visionär des vorigen Jahrhun* 
derts. Er bringt uns verschleierte Oberwelt sehr nahe, Puvis erfüllt 
seine Wände mit christlicher Einfalt und primitiver Hilflosigkeit, er* 
gänzt sich aber im heidnisch Allegorischen, Eine langatmige Simul* 
tanität. Vielleicht die erste: sie stammt von Dante,* die Renaissance 
erfüllt sich in ihr höchst reizvoll und überlogisch. 
Also es gibt noch eine klassische Überlieferung! Eine Zeit der 
Stilwirrnis, der Geschmacksverwilderung, künstlerischer Unsicherheit 
kann nur durch einen intellektuellen Stil zur Gesundung gelangen. 
Mittels einfacher Begriffe müssen wir klarlegen, was anständig ist, 
was verwerflich. Ich spreche immer von Bauwelt,* in der Malerei 
wirkt die Kritik viel lebhafter sichtend und gebührlich einstellend. 
Schlechte Skulptur kann Plätze verunstalten, aber niemals Verwüstungen
	        

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