Full text: Die weissen Blätter (3(1916),1)

Hßeodor Däußfer • Simuftänität 
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Man kann zugleich erhoben sein und schimpfen, loben und beinahe 
die Hoffnungslosigkeit als das Beste ansehen. Die simultanistische 
Überfülle von Gelerntem, nur flüchtig Aneigenbarem, führt zu Ab 
straktionen, nervischen Erkenntlichkeitszeichen mehr als zu erschöpfen* 
dem Wissen, Eingeweihtsein, Wir tragen ganze Namenregister her* 
um, auch lieber auf den Tastorganen, als im Großhirn: hinter jedem 
Namen eine Wichtigkeit, oft ganz winzig, aber doch stenogramma* 
tisch in uns eingesetzt, versponnen. Ein Impressionismus im Geistigen? 
Kenntnisse sind nicht mehr Pfeiler unsrer Kultur: wir spielen damit, 
setzen sie nach dem Schönheitsgefühl willkürlich, aber eigenrhythmisch 
ein: wir barockisieren. Die Wirkung nach außen ist so gering,- bauen 
wir unsre Innenräume aus,- Treppenhallen brauchen wir: die neuen 
Erlebnisse sollen bequem in unsre Empfangsräume emporsteigen 
können. Wir erwarten sie in der Bibliothek, Der erste Barockbau 
war Michelangelos Laurentiana, Barock: wir waren überall. Wo der 
Schnellzug uns nicht hingelangen ließ, kerbten wir uns doch ein: die 
besten Wiedergaben stehen zur Verfügung, 
Barock: Petersplatz Palmira, Borromini Petra, Bernini Timgad, Fon* 
tana Trevi Baalbeck, Sant Andrea delle Fratte Heliopolis. Die Jahr* 
hunderte dazwischen sind versunken: wie sollten sie auch nicht ver* 
schwinden, wir haben doch den Raum überwunden, »Mon äme est 
triste, helas, et j'ai lu tous les livres« kennzeichnet Mallarme, 
Wir, die wir die Verantwortung in der Kunst tragen, ziehen durch 
unsre verbauten, in Schutt gelegten Städte und suchen nach ver* 
schonten Winkeln, schließen Augen und Ohren streckenlang, bis wir 
zu einer versteckten anheimelnden Stelle kommen, freuen uns plötz* 
lieh über etwas Neues, das verspricht, und dabei vergessen wir ab* 
sichtlich was uns beleidigt hat, schlucken hinunter, übersehen, sind 
einsichtig, nehmen mit in Kauf: Einheit finden wir ja nicht mehr. 
Aber einzelnes lieben, hegen wir inbrünstig, zittern um seinen Fort* 
bestand, sind simultan bei allerhand ähnlichem, das räumlich entlegen 
ist, und wir glauben noch an eine Einheit, So haben die Gründer* 
jahre das simultanistische Empfinden gefördert. 
Oder man ist ein unbeirrbarer Museumsbesucher, Man erinnert 
sich auch der Bilder, bevor sie restauriert, gewaschen und lackiert 
waren. Trübsinnige Betrachtungen! Aber schließlich: einige blieben
	        
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