Full text: Die weissen Blätter (3(1916),1)

Gfossen 
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kirche als vollkommen lächerliche Objekte 
proklamieren, das Wort Christentum als 
das einzig wahre Fremdwort ausmerzen, 
oder wenigstens sollten sie eine Doktrin, 
von welcher nicht die allerleiseste Notiz 
genommen wird, nicht mit so fluchwürdiger 
Stirn dem Sinn nach noch aufrecht halten, 
daß sie gar noch in den Gerichtsstuben 
mit ihren Sinnbildern hantieren und auf 
das schwören, worauf sie doch im vollsten 
Sinne des Wortes pfeifen. 
Doch, was sage ich? Sind nicht unter eben 
diesen Zeichen die wüstesten Greuel in 
der Welt entbrannt? Und hat nicht eine 
Wahrheit zu um so widerlicheren Aus 
wüchsen geführt, je erhabener sie war? 
Was Wunder, daß in einer Christenheit, 
in welcher die Inquisition möglich war, 
dieser Krieg sich noch ereignet! Denn ist 
dies nicht ein und dieselbe Welt? Fällt 
je etwas aus ihr heraus? Ja, wir bedachten 
es nicht! 
Jetzt aber kann man der Verwun 
deten und der Gefangenen nicht denken, 
ohne daß sich das Mitgefühl auch jenen 
Vereinzelten zuwendet, deren es heute in 
allen Ländern gibt, die von dem Strom 
der Gedankenlosigkeit, der alles umwarf, 
nicht fortgerissen wurden, sondern von 
ihrer brennenden Erkenntnis, wie in Einzel 
haft verwiesen, allein und abgetrennt, ihn 
überragen. Man schreibt gewiß nicht ohne 
große innere Pein Sätze nieder, wie ich 
sie heute in der »Fadcel« finde: »Der 
kriegerische Zustand scheint den geistigen 
auf das Niveau der Kinderstube herab 
zudrücken«,- und man stimmt nicht anders 
als bedrückten Herzens dem Autor bei. Aber 
nicht länger bin ich des Verfassers Meinung 
<was nicht geschieht, um ihm entgegenzu 
kommen, der ein paar Seiten weiter die 
Äußerung zu Drucke bringt: »Eine Frau 
soll nicht einmal meiner Meinung sein. 
geschweige denn ihrer«), nicht länger teile 
ich seine Meinung, wenn er auf die Frage, 
die er aufwirft: »Was kann durch den 
Weltkrieg entschieden werden?« sich selbst 
zur Antwort gibt: »Nicht mehr, als daß 
das Christentum zu schwach war, es zu 
verhindern«. Ja, ich maße mir die Meinung 
an, daß er da wirklich mit einer unzu 
reichenden Leuchte an das Problem heran 
tritt. Das Christentum war nicht zu schwach, 
sondern zu stark, und die Menschheit 
evoluiert derart langsam und in so ver 
zweifelt weiten Kurven um dies Gestirn, 
daß ihr sich trotzdem vollziehender Auf 
schwung, vollends zur Stunde einer Sonnen 
finsternis wie der heutigen, dem freien 
Auge sich völlig entziehen muß. Aber der 
Gewalt des Christentums tut die mensch 
liche Hinfälligkeit keinen Abbruch,- ja un 
erbittlicher könnte es nicht wider uns 
triumphieren, dafür, daß wir statt seiner 
eine irländische, eine polnische, eine elsaß 
lothringische Frage als unerschütterliche 
Pfeiler setzten und deren Last — wäre 
auch im Vergleich zu ihr jedes Joch süß 
und jede Bürde leicht — folgerichtig auf 
uns nahmen, als seien sie, die doch im 
Lauf der Jahrzehnte zerrinnen und ver 
wehen werden wie nie Gewesenes, der 
Dinge letztes und Endgültiges! 
Besserund überlegter ist es, durch das Al 
berne so wenig wie durch das Abgeschmackte 
irre zu werden, ja selbst durch das Ekle und 
das Scheußliche nicht, das giftigen Schwäm 
men gleich den Katholizismus überwuchs,, 
sich an ihm festfraß und tief unter sich 
begrub, sondern an dessen goldenem Be 
stand festzuhalten, in weiten Kunstbögen 
der Berührung mit all seinen unberufenen 
Vertretern bedachtsam auszuweichen, um 
in der Vermutung nicht gestört zu wer 
den, daß, wo einmal dieser viel miß 
brauchte Kult zu seinem adäquaten Aus-
	        
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