Full text: Die weissen Blätter (3(1916),1)

Gfossen 
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also möglich: daß dieser glückliche Erdteil 
sich auftat zu einem Sumpf von Blut und 
Wunden, der das Gemüt immer tiefer 
hinabzieht. Nein, ich verstehe diese Welt 
nicht mehr! 
III. 
Man muß es schon einmal sagen: denn 
darüber wird eines Tages kein Zweifel 
sein, daß in dieser Zeit nur einer das 
Recht auf seiner Seite hatte, und das ist 
der parteilose und unparteiische Papst,- die 
Neutralen, die sich heute gerne besser 
dünken, keinesfalls,- aber auch die Strei- 
tenden nicht,- mögen sie sich noch so 
vortrefflich halten; der über dem Streit 
Stehende überragt sie doch weit, und vor« 
bildlich ist nur er. 
Dieser Vorbildlichkeit wegen halte ich 
auch stets die Erinnerung an einige Epi- 
soden fest, die ich alle mit Namen ver 
sehen und beschwören könnte. 
Zum ersten; in London. Seit 1904 fuhr 
ich ziemlich regelmäßig hinüber. Die Phasen 
der Feindseligkeit während dieser Zeit 
waren mir sehr persönlich fühlbar gewor 
den, ebenso deutlich der zuletzt einsetzende 
Umschwung. So populär endlich wie im 
Frühsommer 1914 — die Geschichte wird 
es bezeugen — waren die Deutschen seit 
einem Menschenalter nicht gewesen,- ja, 
sie standen im Begriff, London im Sturme 
zu erobern. Ein Deutscher, mochte er auch 
zu Hause als ein ziemlicher Pinsel gelten, 
hier genoß er a priori, lediglich weil er 
Deutscher war, Anspruch auf Gedanken 
tiefe und Geist. So weit war man schon. 
Die wertvollste Orientierung über die 
öffentliche Lage erstattete jederzeit Lady 
C .... Ich kannte sie nicht, aber es ge 
nügte, ihr von weitem zuzusehen. Stets 
in das allerletzte Fahrwasser getaucht, 
zeigte niemand besser die Temperatur der 
elften Stunde an, ob dies nun die letzte 
Geschmacksrichtung in der Musik, der Li 
teratur oder der Mode oder aber, vor 
allem anderen, die letzte politische Strö 
mung betraf. — Niemand trieb so leiden 
schaftlich mit ihr empor — und war als 
bald so ganz von ihr erfaßt. 
Am Vorabend meiner Abreise saß ich 
im Salon meiner Freundin und erwartete 
mit ihr Lady C... . Sie hatte ihren Be 
such angekündigt und erschien noch vor 
Mitternacht, von Juwelen überfunkelt, das 
gelbe Haar von Diamanten übersprüht: 
Wurf und Farbe ihres Kleides voran 
leuchtend und noch nicht dagewesen. Ihre 
schnellen Blicke, während sie sprach, be 
deuteten mir ohne Vorbehalt, daß sie aus 
Neugierde gekommen war, und zwar 
meinetwegen. Es gab kein Thema, das 
sie da nicht heranzog, nichts, worüber sie 
nicht meine Meinung, mein Urteil als aus 
schlaggebenden Faktor — denn ich war ja 
deutsch — zu wissen begehrte. Und was 
rief sie da nicht, bevor sie, schneller als 
sie gekommen, wieder entschwirrte und ihr 
Auto durch die stillgewordene Großvenor- 
street der fünften oder sechsten »party« 
des Abends entgegensurrte: »Give me the 
Germans!« rief sie hingerissen- »They are 
the first people in the world.« 
Und da ich mir noch immer in der Ferne, 
und wenn ich mich eine Weile räumlich 
von den »Germans« geschieden hatte, die 
selbe Meinung über sie zurückerwarb, 
stimmte ich ihr rückhaltlos bei. 
Diese ihre letzten Worte waren es auch, 
welchen ich folgenden Tages gerne nach 
hing, während vor mir Ahnungslosen die 
englische Küste immer weiter zurücktrat. 
Schafwölkchen weideten am Himmel, und 
ich sah zufrieden zu ihnen auf. Denn Gott 
sei Dank! man war endlich vernünftig ge 
worden und die Gefahr war überstanden. 
Ich teilte meine frohen Wahrnehmungen
	        

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