Full text: Die weissen Blätter (3(1916),1)

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einem Engländer mit, den ich an Dedc des Falten meines Mantels zurecht, und wie 
Schiffes traf und der mit den Politikern ich jetzt bemerkte, hatte sie »le vin ba- 
seines Landes aufs engste verquickt und vard«, »Ah! il faut une guerre!« rief sie 
verschwägert war. Krieg, sagte ich, gibt plötzlich aus , , , »Oh pas maintenant: en 
es keinen mehr. Aber er schüttelte den 1915« <und berief sich auf ihren Gewährs- 
Kopf: »Sie lassen sich täuschen. Ich sehe attache) »il le faut,.. Les Allemands sont 
nirgends Anzeichen dafür, daß man ihn devenus trop arrogants.« 
vermeiden wird.« »Vous vous trouvez bien chez eux,« 
Noch waren sich aber die wenigsten Leute erwiderte ich ,,, 
bewußt, daß es einSerajevoaufderKarte gab. Kurz zuvor saß ich im Lesesaal eines 
Fünf Wochen später: München. Bei Pariser Hotels, Ich sehe die Zeitung durch,- 
einem namhaften russischen Maler lebte doch von Übelkeit und Verzweiflung über- 
dessen originelle, wenn auch unzuverläs- wältigt, werfe ich sie wieder hin und stürze 
sige und unkultivierbare Schwester. Eines in mein Zimmer hinauf. Es blidet auf den 
Tages verkrachte sie sich mit ihm, und da Fluß. Allein die weile und geliebte Stadt 
es ihr an allen Mitteln, um allein weiter wird mir zur fürchterlichen Enge. Wohin 
zu existieren, gebrach, erklärten sich ihre soll dieser Ton, dieses Geschrei, sollen 
bisherigen Bekannten als ihre Kundschaft, diese höhnischen Ausfälle und gemeinen 
und indem sie sozusagen eine Privat- Drohungen, soll dieser unheilbare, unbe- 
schneiderin wurde, fuhr sie fort, gesell- lehrbare, planmäßige Deutschenhaß, wohin 
schaftlich mit ihnen zu verkehren. Alles soll er führen? 
ging zum besten, bis es Sommer wurde Wieder kurz darauf war ich in Berlin, 
und ihre ausstaffierten Freundinnen die Bei einem Abendessen. Rechts von 
Stadt verließen. Nunmehr saß die auf ein Oberst, links ein Ministerialrat,- beide 
Vorzugsbehandlung gestellte Amateur- sind mir fremd. Der Oberst: »Nee, die 
mir 
näherin allein und kümmerlich in ihrem Zim- 
Wenn 
mer. Diesen längst vorausgesehenen Mo- heuer nicht losgeht, stülpe ich mir einen 
ment nahm ich wahr, um endlich auch Zylinder auf.« Ich, ängstlich: 
Was 
meinerseits etwas zu bestellen. 
denn losgehen?« »Nun, gegen dieses gott- 
AIs ich zur Anprobe kam, war sie nicht verdammte, freche Franzosenvolk.« Der 
zu Hause, erschien aber gleich darauf hoch- Ministerialrat, elektrisiert; »Und zahlen 
gemut und federngesdimüdct direttissimo sollen sie uns diesmal!« Der Oberst: »Bis 
von einem Mittagsschmaus bei einem alten zur letzten Puste!« Fröhliches Gemedcer, 
russischen Grafen, Sie legte, seitdem sie Warum, da er nun gekommen ist, dieser 
schneiderte, ganz besonderen Wert darauf, Krieg, den überall noch zu viele wollten, 
auch weiterhin von ihrer Gesandtschaft warum wollen sie ihn plötzlich alle nicht 
eingeladen zu werden, und der alte Graf, gewollt haben und wälzen die Verant- 
der sie sehr protegierte, tat ihr immer den wortung für diese ungeheuere Tragödie 
Gefallen. Der Stab war diesmal sogar der Mitschuldigen einander auf? 
vollzählig erschienen, sie hatte als einzige Weil sic recht hatte, die mutige Frau 
Dame den obersten Platz behauptet,- so von Suttner, die vielverlachte Friedens 
gur hatte sie es nicht alle Tage,-zerstreut, berta mit ihrer Behauptung, daß die erste 
doch um so mitteilsamer steckte sie die Zwangsfolge des Krieges die Lüge sei!
	        

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