Full text: Die weissen Blätter (3(1916),1)

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Rene Scßtckefe • Hans im Scfmakenfocß 
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Louise: Ja, aber er macht keinen Gebrauch davon. Er ist heute 
noch so arm, wie er vor zwanzig Jahren war, und nur seine Tra* 
banten sind Millionäre geworden. Vielleicht ist seine Verderbtheit 
auch nur die Folge seines zu weitgehenden Verständnisses für die 
Schwächen seiner Freunde. Dieser Ansicht ist mein Mann,,. Seine 
Freunde lieben ihn leidenschaftlich. Wahrscheinlich aus demselben Grund, 
Hans: Und die Frauen auch. 
Louise: Natürlich, Die guten und die schlechten,- die ihn kennen, 
und die ihn nicht kennen. Auch von seinen Gegnern wüßte 
keinen, der ihn wirklich haßte, 
Hans: Ich finde es schön, daß politische Gegner einander bis aufs 
Messer bekämpfen, ohne an ihrem menschlichen Verhältnis Schaden 
zu nehmen. 
Louise: Es ist wohl mehr ein gesellschaftliches Übereinkommen, 
Und hat auch den Nachteil, daß es allerhand Zweideutigkeiten 
Türe öffnet. Keiner haßt Simon, aber alle fürchten ihn. Ich habe oft 
den Eindruck, als warteten sie darauf, daß er plötzlich die Maske 
fallen ließe und ihnen den Fuß auf den Nacken setzte. Dafür halte 
ich ihn aber für zu bequem, <Da Hans sidi umsieht) Wir sind allein. 
Hans: Danke,,, Sollten 
wirklich keinen Ehrgeiz haben 
dieser Gesellschaft, die mit gestreckten Hälsen im Rennen liegt? 
Louise: Oh, ich war sehr ehrgeizig. Das sind wir Mädels 
republikanischen Gesellschaft immer. Die meisten vergessen dann das 
Elysee über ihren Kindern. Ich habe keine Kinder,,. Aber Cavrel 
ist kein Politiker, er ist ein Prophet, In den zahllosen Arbeiterver 
sammlungen, in die ich mit ihm ging, und als ich immer wieder die 
Tausende von ernsten, offenen Menschengesichtern zu ihm wie zu 
einer milden Sonne gewandt sah, und wie die Lippen der Männer 
und Frauen leise 
seinen Worten bebten,- 
wie 
immer wieder fortgerissen in die Bahn dieses lebendigen Traumes, 
ganz einfach, ganz schön wurden — ja, ich bin wahrhafter geworden 
durch 
habe eine neue Welt gesehn 
<Ieise> in der ich 
mich niemals heimisch fühlen werde,,, <LädieInd> Schon die Propheten 
des Alten Testaments waren mir unheimlich,., Und als mein Ehr^ 
geiz fort war und ich mich umsah, da merkte ich, daß ich auch meinen 
Mann verloren hatte... Er weiß heute noch nicht, daß ich irgendwo
	        
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