Full text: Die weissen Blätter (3(1916),1)

Rene' Schickefe • Hans im Scfmaßenfocß 55 
DRITTER AUFZUG 
Zimmer wie im ersten Aufzug. 
Nachmittags im Hochsommer. 
ERSTER AUFTRITT 
Klär. Balthasar. 
<Sie sitzen wieder nebeneinander auf der Klavierbank, Rücken zum Instrument.) 
Balthasar: Du spielst nicht mehr so gut. 
Klär: Ich will lieber nicht so gut spielen und dafür meinen Mann 
im Haus haben, 
Balthasar: Bist du böse, wenn ich dir sage, daß die drei Monate, 
die für dich so traurig waren, für mich eine schöne Zeit — 
Klär: Ja, mein Junge, du warst sehr gut zu mir. 
Balthasar: Davon spreche ich nicht. 
Klär; Unser Musizieren hat mir viel geholfen,.. Doch manch« 
mal, wenn wir so recht im Zug waren, bekam ich plötzlich Angst, 
ich würde wahnsinnig. Ich bekam Angst vor mir selbst. 
Balthasar; So wild wurde die sanfte blonde Frau, 
Klär: So verzweifelt. Und dazu in einer Art, die mich irgendwie 
bösartig entzückte, 
Balthasar: Ich fühlte es wohl. Ich muß dir gestehn, daß es mir, 
wenn ich so neben dir saß, kalt den Rücken hinunterlief. 
Klär: Weißt du was. Junge? Ich glaube, daß ich in solchen 
% 
Augenblicken dem Wesen meines Mannes nahe kam, wie nie zuvor. 
Balthasar (lächelnd): Weil du böse warst? 
Klär: Leidenschaftlich böse — und mich dabei irgendwie schön 
fühlte. Ich kann mir denken, daß man so, wie auf einer Rutschbahn, 
in den Tod fährt, ohne jede andere Ergriffenheit, als einen won« 
nigen Schwindel. 
Balthasar: Aus der Gegend kam schon viel starke Musik, 
Klär; Wo die Seele durch den schmalen Streifen gleitet zwischen 
Tag und Nacht, Wo wir aufwachen und sterben. Sicher wachsen 
dort die stärksten Gefühle. Wenn ich denke, wieviel Musik ich schon 
gehört und selbst tapfer mitgemacht habe, und daß ich dabei, bis 
vor einigen Wochen, von ihrer eigentlichen Kraft vollkommen un« 
berührt geblieben war —
	        
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