Full text: Die weissen Blätter (3(1916),1)

Rene’ Scßicßefe • Hans im ScfmaßenCocß 
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Klär: Verstehe nicht. 
Hans: Stell' dir vor, du willst morgen ein Geschäft eröffnen, sagen 
wir eine Musikalienhandlung. Da hraudist du Geld, Du nimmst also 
erst dein eigenes, wenn du welches hast. Das Geschäft geht. Die 
Kundschaft stürmt dir den Laden, und du bemerkst, daß sogar die 
Leute im Dorf, obwohl dort schon eine Musikbude besteht, lieber 
bei dir kaufen, als bei der vertrottelten Mamsell dort. Du entsdiließt 
dich, um es den Leuten bequemer zu machen — die Kauflust steigt 
natürlich mit der Leichtigkeit zu kaufen, überall — du entschließt 
dich also, drüben im Dorf eine Filiale zu eröffnen, Da brauchst du 
wieder Geld, Dein eigenes ist aber bereits hier im Mutterhaus angelegt. 
Was tust du? Du pumpst dir das Geld, Da es sich mit 5 Prozent 
verzinst, dein Geschäft: aber mit 10 Prozent Verdienst arbeitet, so 
bringt dir das fremde Geld noch immer 5 Prozent ein. Und so weiter! 
Klär: Ist es denn aber sicher, daß die Filiale im Dorf 10 Prozent 
ab wirft? 
Hans: Sonst bist du halt hineingefallen. 
Klär; Hans, verzeih die Frage: Haben wir Filialen? 
Hans: Unser Fall liegt anders. Wir sind in der Lage des Mannes, 
der von seinem Vater ein solides Unternehmen geerbt hat, das aber 
den heutigen Anforderungen nicht mehr entspricht, weil sich heute 
nur der Großbetrieb halten kann,- so geht es zahllosen Industriellen, 
Dafür gibt es einen guten Ausweg: die Aktiengesellsdiaft, Ich habe 
sozusagen aus dem Schnakenloch eine Aktiengesellschaft gemacht. 
Ich behalte die meisten Aktien und bleibe der Herr im Haus, So ver 
binde ich den Vorzug des alten Systems mit dem der modernen 
Kreditwirtschaft, . , Natürlich bringt diese Großzügigkeit auch Nach* 
teile mit sich. Man weiß nicht immer genau, was man besitzt. 
Klär: Wenn du's nur weißt! 
Hans: Irre ich mich. Klär? Mir kommt es so vor, als ob wir seit 
einigen Tagen leise melancholisch würden. 
Klär: Da hätte unser neuer Honigmond nur drei Wochen ge* 
dauert? Schade, 
Hans: Meine Ansichten über die Ehe haben sich vollkommen 
geändert. Darf ich sie dir mitteilen? 
Klär: Seit wann?
	        

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