Full text: Die weissen Blätter (3(1916),1)

Rene Schieße Ce • Hans im Schnaßenfoch 
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Hans: Keine Macht der Welt brächte midi nodi einmal in den 
Keller, Man konnte nidit atmen, man sah nidit hell. Der Kleine 
klingelte und lachte. Der andre schoß mit seiner Kanone immer auf 
dieselbe Stelle an der Wand, Die Mutter wickelte ihren Rosenkranz 
ab, und du sahst ihr mit so sinnloser Aufmerksamkeit zu, daß ich 
wiederum kein Auge von dir wenden konnte, bis wir alle in dem 
Loch auf und ab zu schweben schienen. Ich mußte die ganze Zeit 
gegen das Verlangen ankämpfen, mich hinter der großen Bütte auf** 
zustellen und mit Kartoffeln nach Euch zu werfen . , , 
Klär: Du großer Kindskopf! 
Hans: Weißt du, wofür die Mutter betet? 
Klär: Für Balthasar und für Frankreich, 
Hans: Armes Frankreich, Nun brennt es in seiner ganzen Breite 
von den Vogesen bis fast ans Meer, und hinter diesem Wall seiner 
rauchenden, zusammengestürzten Dörfer, seiner tödlich verstummten 
Städte und schon zahlloser Leichen reckt es sich und hebt sein finster 
verzweifeltes Gesicht in den Feuerschein und bereitet sich zum letzten 
Waffengang, — Die Mutter hat geträumt, die Jungfrau von Orleans 
sei wiedergekommen und marschiere mit ihren Heerscharen unter 
brennenden Riesenfahnen durch eine lange Nacht gegen Reims . . . 
Sogar unsere Gebete bekämpfen einander. 
Klär: Hans, wer von uns hätte vor einem Monat gedacht, daß 
das Leben uns diese furchtbare Prüfung auferlegen werde? Wir 
müssen Geduld haben. Tapfer sein. Alle sind jetzt tapfer. Laß es 
uns auf unsre Art sein. Wenn wir durchhalten, sind wir von allem 
Schmerz der Erde gesegnet, wir beide, Bitte, laß das alles nicht ver^ 
gebens sein, 
Hans: Sehr schön, was du da sagst. Klär. Und wahr, wahr. 
Betest du auch? 
Klär: Ich wage es nicht. Obwohl ich manchmal Stärkung brauchte, 
so allein unter euch, 
Hans: Ich kann es mir denken . , , 
* 
Klär: In den schlimmsten Stunden hält mich etwas, was du oft 
den Fetisch der Deutschen genannt und verhöhnt hast: die Pflicht, 
Hans: Ich kann nichts dafür. Schlechte Komödianten bringen es 
fertig, daß man das schönste Trauerspiel belacht. Bei dem Wort Pflicht 
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