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der. Zeit mit Farbspuren füllen und nicht mehr klar zeichnen, während 
feine Erhebungen abgenutzt werden und so Helligkeiten verloren 
gehen. Auch hier hat der Künstler beim Druck einen gewissen Spiel- 
raum; er kann schwärzere oder hellere, härtere oder weichere Abzüge 
herstellen, je nachdem es ihm für die Wirkung seiner Zeichnung richtig 
erscheint. 
Wurde im 17. Jahrhundert der Kupferstich zum Hauptmittel der Buch- 
illustration, so war er zu Dürers Zeit noch mehr kunstreiches, geschätz- 
tes Einzelblatt für den Kenner; immerhin begann er bereits mit dem 
populäreren Holzschnitt in Konkurrenz zu treten. Es gibt auch in Dürers 
Werk Blätter, die deutlich für den Verkauf auf dem Markt gedruckt 
sind, etwa jener Stich mit der Mißgeburt eines Schweins, oder die 
Bauerndarstellungen der früheren Zeit, die ein wenig mit dem mittel- 
alterlichen Spott des Städters über die ungelenken Bauern rechnen. 
Im übrigen aber kann man etwa in Dürers Tagebuch der niederländi- 
schen Reise nachlesen, wie er hohe und höchste Herrschaften als Dank 
für, erwiesene Gefälligkeiten mit Exemplaren seiner Kupferstiche be- 
denkt. 
Dürer als formempfindlicher Mensch und Künstler war sich über die 
Wirkungsmöglichkeiten von Kupferstich und Holzschnitt durchaus im 
klaren. Das. zeigt sich darin, wie er von beiden Gebrauch gemacht hat. 
Vereinfachend könnte man sagen: den Holzschnitt wählte er überall 
dort, wo es darauf ankam, Gefühl und Ausdruck mit kraftvoller Ein- 
dringlichkeit zu geben, zum Kupferstich griff er, wenn es um formale 
Probleme ging, etwa um die Darstellung der vollkommenen mensch- 
lichen Gestalt. 
Es entsprang sicher nicht nur Erwägungen des auf Absatz bedachten 
Künstler-Handwerkers, wenn er die leidenschaftlich phantastische 
Apokalypse und zwei Passionsfolgen im Holzschnitt hinausgehen ließ, 
während die Darstellung der nackten menschlichen Gestalt dem 
Kupferstich vorbehalten blieb. Einer der frühesten großen Holzschnitte, 
das Männerbad, bildet die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. 
Dürer hat diese Linie im Holzschnitt nicht weiter verfolgt. 
Immerhin wird man das Betonen der Aufgabentrennung nicht über- 
treiben dürfen. Es hat Dürer gelockt, zur gleichen Zeit, als er seinen 
umfangreichsten Passionszyklus im Holzschnitt, die Kleine Passion, 
zeichnete, den gleichen Themen. auch eine Kupferstichfassung zu 
geben. „Der. Kupferstich sucht die komplizierteste, der Holzschnitt 
die einfachste Ansicht‘, so hat Heinrich Wölfflin in seinem Dürerbuch 
den Unterschied formuliert. Doch auch hier die Ausnahme: im Marien- 
leben scheut sich Dürer nicht, architektonische Konstruktionen und
	        
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