Full text: Der Ararat (1 (1920), 8)

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Verwendung von Kirdientonarten und hohlen 
Quintschlüssen. Die weitausholende, bis nach 
China- greifende Exotik, in der ihm auch der 
verwandte aber technisch geschicktere Mily Ba* 
lakirew nicht gleichkommt. Auf diesen Mous* 
sorgsky baut sich nun, freilich (typisch genug!) 
mit dem Umweg über Paris und Debussy, die 
ganze neue russische Musik auf. 
Erwähnenswert alsBereicherer der Harmonik 
und Einführer der Ganztonskala in die rus* 
sische Musik\ ist der 1861 geborene Wladimir 
Rebikow, den seine Bestrebungen um das Ge* 
samtkunstwerk zu dem eigentümlichen Resultat 
der Meloplastiques führten. Die Lieder, in 
denen der Text durch Mimik und andeutende 
Gesten im Einklang mit der Musik ausgedriidct 
werden soll, bedeuten wohl nicht Viel mehr als 
ein gelungenes Experiment, das schließlich nur 
der Pantomime ins Handwerk pfuscht. 
Sergei Rachmanninow, dessen vielgetanztes 
Prelude in 'Cis-moll seinen Komponisten in 
Deutschland berühmt machte, geht harmonisch 
weiter. Da gibt es schon gewagte Quintketten. 
Kühne enharmonische Umdeutungen, spitze 
Bindung entlegenster Akkorde. Die Musik wird 
intertonal. Lind wie gern ist Rachmanninow 
melancholisch! Lind wie wundervoll kitschig zu 
weilen ! Ich denke nur an die sprühende, geile, 
orientalische Serenade in B. Dagegen kann der 
soignierte Rimsky-Korsakow mit seinen orien 
talischen Märchen-Suiten nicht heran! O köst* 
liches Harem. Deine Augenbrauen, o Herrin, 
sind wie die Mondsichel im Monat Ramadan. 
Tanze, o Herrin! Sieh, wie die Nacht sich er* 
buntet! Hör", schon klingen die Guitarren . . . 
Plötzlich war Scrjäbine da. Und er, 1872 
geboren, trug die Sehnsucht nach dem letzten 
befreienden Klang. Prometheus schwang er die 
Fackel. Seine Kultur ist die feinste, franzö 
sischste,- sie quälte ihn und trieb ihn zugleich. 
Und so schrieb er, rastlos zwischen zerrissenen 
Konzertabenden seine ersten Walzer Preludes, 
Etüden,- lauter melancholische brillante und sehn= 
süchtige Salonmusik. Auf einmal kommt die 
Wandlung. Blitzhalt stellt sich vor ihm sein 
innerer Mensch, droht ihm, siegt. Die Har- 
monik bekommt jene „Bizarrerie", über die sich 
die Kritiker des gesamten Kontinents moquieren. 
Die Pariser Glätte schwindet: Die Form wird 
eckig, alles aufs äußerste beschränkt. Nun ent* 
steht jene konzentrierte, aphoristische Klavier 
musik, die Poemes, Danses, Preludes, Masques. 
Scrjäbine schreit. Er packt Lichtstrahlen, ein 
paar Klänge, formt sie: Der „Prometheus*' steht 
da. Das Experiment des Rebikow vergeistigt 
sich. Scrjäbine stellt Farben neben die Musik, 
die mit ihr klingen, sich bewegen, uns aufwühlen. 
Für jeden Klang hat er eine besondere Licht 
wirkung. (Deren Tabelle Sabanejew aufstellte.) 
Mystische Quarten-* und Ganztonakkorde bilden 
die Harmonie dieses exaltierten Werks. Solche 
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Aufschreie und Dämmerungen schuf keiner nach 
oder vor ihm. Es gibt nichts Eigentümlicheres 
als diese schwüle, sinnliche, flammende und 
sirenenhaft verschleierte Musik. Maßlose Kraft, 
ursteinige Felsblöcke türmt Prometheus. Zi* 
sehend entleuchtet sein Feuer. Scrjäbine geht 
weiter zu seinem Poeme d'Ekstase, zu seinen 
letzten Klavierstücken und Sonaten. Die LIr* 
% 
kraft, den Fanatismus des Russen, eint er mit 
unerschöpflicher harmonischer Phantasie. Kein 
Wunder, daß seine überragende Persönlichkeit 
alle Jungrussen mit sich riß. (Zu den wenigen 
Ausnahmen zählt der kürzlich verstorbene ge* 
niale E. B. Onegin.) Nach seinem Tode 1915 
kamen nur noch wenige in Betracht. Für Deutsch* 
land nur sein akademischer Zeitgenosse Gla* 
zounow, der Stärkstes in der Bearbeitung sla* 
Wischer, ungarischer und exotischer Populär* 
Melodien schuf. 
Als Klavierist endlich der erwähnte Saba* 
nejew, der unermüdlich für Scrjäbine warb und 
sehr von ihm abhing. 
Der jüngstenDebussy*Nachfolge zuzurechnen 
ist der Lyriker Mjaskowsky, der weiter in die 
Zukunft weist, als man heute vermutet. Seine 
„Skizzen" auf Texte von Iwanow zeigen, bei 
mangelnder Kraft, eine subtile, lyrische Fas* 
sungsgabe. Ganz tief ist die Mystik in dem 
einen Gesang: Das Tal ein Tempel. Hier 
rauschen Vorhänge auf von versunkensten 
Städten,- blau tönen tiefe Tempelglocken über 
zitternden Betern. Auch bei ihm starke Nei* 
% 
gung zum Exotischen,- nach Indien und China,
	        

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