Full text: Der Ararat (1 (1920), 8)

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liehen auf Rot, Grün und Gelb aufgebaut ist, zu einem ein 
zigen Ton sensationeller Grellheit zusammenklingt, sind 
im Deutschland, ein „Wintermärehen" die einzelnen Farben 
mit geradezu reporterhafter Geschäftsmäßigkeit neben 
einandergesetzt. Um so packender wirkt dann im Gegen 
satz dazu die kranke Lasterhaftigkeit der Mischtöne in den 
Bildern aus Dirnen» und Säufermilieu. Gegen diese Ge 
nialität der Farbbehandlung, die auch in den Aquarellen 
zum Ausdruck kommt, fällt die Graphik erheblich ab. 
Grosz bedient sich hier des Infantilismus, d. h. er über 
nimmt die primitive Zeichenart verderbter Großstadtkinder 
und bildet sie zu einem raffinierten Stil um. {Primitivität, 
bewußt geübt, wird immer Raffiniertheit.) Aber dieser 
Stil wirkt, auf Groszsche Stoffe angewendet, dürr und — 
ganz literarisch. Da sieht man zum Beispiel ein Haus mit 
drei Stockwerken: im ersten Stock eine Prügelei, im zweiten 
eine Dirnenszene, im dritten ein Erhängter. Das ist schon 
nicht mehr ein — wie auch immer gegebenes — künst 
lerisches Erlebnis, sondern Klügelei. Das Elend des 
Lebens wird registriert, nicht mehr gestaltet. 
Wer von der bildenden Kunst in erster Linie „Schön 
heit" im klassizistischen Sinne verlangt, wird diesen Ma 
lereien und Zeichnungen eines Scheußlichkeitsfanatikers 
wutschnaubend den Rücken kehren. Der Vorurteilslose 
aber wird erkennen, daß hier um eine neue Zeit, um eine 
neue Kultur gerungen wird mit einer Leidenschaftlichkeit, 
wie sie vielleicht nur die ganz großen Satiriker aller Zeiten 
entflammt hat. Damit tritt Grosz an erster Stelle in den 
Kreis der jüngsten Generation, der Bühne und Kunst 
ausstellung wieder zur „moralischen Anstalt" wurden, in 
denen sie der Menge ihre ethischen Imperative ins Gesicht 
schleudern. Aber ihre Schreie verhallen ungehört, und 
bald wird diese Kunst der großen ethischen Gebärde <wie 
heute schon die des ihr verwandten Sturm und Drang) nur 
noch „Material" sein, das in den Stuben der Gelehrten zu 
neuem „Material" verarbeitet wird, bis wieder einige Bi 
bliotheken gefüllt und als Bollwerke gegen Frühling und 
Sonne errichtet werden können. Über alle die Bücher aber, 
die von der Kunst unserer Zeit erzählen und ihrem viel 
zu großen Wollen, sollte man das schmerzliche Wort der 
Tochter Indras setzen, das wie ein Leitmotiv der Klage 
Strindbergs „Traumspiel" durchzieht: „Es ist schade um 
die Menschen." (Otto A(fredPafitzsch.J 
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„Der Tag" Berlin 19. Mai 1920... 
Berliner Spuk. Es ist begreiflich, daß Münchens 
Bodenstand und eingewanderte Verliebtheit gegen das 
berlinische Wesen, wie es ihnen erscheint, opponieren. 
Auch München hat sein Paradies verloren — die Zeit, 
da bescheidene Neuerung pietätvoll aus der Kultur der 
Vergangenheit erwuchs, ist dahin. Moderne Großstadt 
zu sein — das war eigentlich immer nur ein neues Pracht 
kleid,. das die alte Monarchie angezogen, eine Rolle, die 
sie wie eine begabte Dilettantin nur gelernt, aber nicht 
mit organischem Leben erfüllt hatte. Die Wirtin lebte 
vom Fremdenverkehr, aber eigentlich wurde sie von ihm 
gestört/ in ihrem Willkommen überwog die individuelle 
Sympathie, das Geldinteresse. So blieb das eigentliche 
München doch die kleine Residenz von einst, und heute 
noch geistern die merkwürdigen Wittelsbacher, die ihm 
sein Gepräge gegeben, über der wogenden Unbestimmt- 
heit revolutionärer Errungenschaften. Deutsches Alt 
bürgertum im ersten Schimmer südlicher Schönheit — ein 
festes Sein und alles Werden aufgeklebt, Freiheit in der 
Enge, farbige Entfaltung im Gartenwinkel. Das ist 
Münchens Zauber für hoffende Künstler und Geistes 
arbeiter, ermüdete Kultursucher immer wieder. Das 
prägt den Gegensatz zu Berlin, macht ungerecht, weil 
unhistorisch gegen Berlin. 
Man atmet hier befreit von der Hetze des Werdens 
auf — das Münchener Lebenstempo wird von der Arbeits 
peitsche nicht erreicht, deren Züchtigung der Berliner für 
immer erträgt und sogar als Daseinszweck empfindet. 
Hier wurzelt das Wachstum tiefer,- Pietät und Erinne 
rung machen dankbarer, stiller, bescheidener im mensch 
lichen Vergleich, und das Wesen des behutsameren Urteils, 
des freieren, liebevolleren Verkehrs sieht in der Gliederung 
der Stadt sein Gleichnis. Licht und übersichtlich bleiben 
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die Straßenzüge, die geschmückten Plätze, die geschwun 
genen Brücken über der schnellen, grünen Isar. Der Zu 
wachs zeigt sich so wenig deutlich wie das Signum sozialer 
Not. Mütterchen Altstadt schmiegt sich noch immer ge 
sichert an die lieben, modernen Enkel. Wer das Weich 
bild Münchens verläßt, sieht die mächtige Hochebene, 
von den Alpen umsäumt. Das ist etwas. Die Asso 
ziationen, die solcher Blick gibt, stellen den Menschen 
auf eine Warte, nicht unter ein Joch. 
Man weiß hier oder vielmehr, man hat es gehört, man 
ahnt und glaubt es, daß in Berlin alles anders ist. Man 
sieht nur die Kehrseite, weil diese sich gleißend, mit 
herausforderndem Anspruch dem Süden zuwendet. Hetze 
und Streben, vorschnelles Urteil, Werden als Feind des 
Seins, atemloses Tempo, rücksichtslose Konkurrenz. Der 
berlinische Mensch kann kein zutreffendes Bild seiner 
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Heimat nach München tragen. Er verschleiert, auf prak 
tische Werte eingeschworen, die Idee seiner historischen 
Entwicklung. Ein Fanatiker der Gegenwart drängt sich 
den dankbaren Erben der Vergangenheit auf. Nach seiner 
Gebärde wird sein Wesen beurteilt, nach den Blättern 
die Wurzel. Man hat sich hier so lange gewöhnt, den 
Berliner als Emporkömmling aufzufassen, daß man auch 
Berlin nur noch als Emporkömmling sieht. Immer wieder 
sucht man ihm das Herrschaftsrecht über deutsche Kultur 
macht abzusprechen, weil man seine Kulturmacht nicht 
kennt oder vergessen hat, sie aufzusuchen. Was weiß 
man in München von Zauber und Kraft, von erziehe 
rischem und künstlerischem Wert des Preußentums? Viel 
hat der nimmersatte Markt davon verschlungen, aber 
ein ragender Rest wird immer bleiben. Auf ihm baut 
sich der tiefer und reiner blickende, der hoffende, der 
gesunde Berliner an. 
Es wäre schon lange ein Gebot der Zeit, für diese 
entscheidende Herzkammer Berlins in München Sehkraft
	        
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