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„Sie haben mich gefragt, warum ich so abgerissen bin. 
Glauben Sie nicht, daß ich das als Frau nicht selbst weiß 
und bemerke. Soviel Auge hab' ich doch auch im Kopf, 
obgleich ich nicht danach giere, die neueste Mode zu ma 
chen. Dazu bin ich nicht eitel genug, möchte ich sagen. 
Meine Anspruchslosigkeit ist kein Verdienst. Ich leide-nicht 
einmal darunter, wenn ich schlecht gekleidet bin. Ich sage 
Ihnen wirklich nur die Wahrheit." 
„Das ist beinahe eine Sünde, wissen Sie das auch?" 
sagte sie mit dem tiefsten Ernst, und ich muß gestehen, es 
traf mich sehr seltsam. 
Also hat Djemma ein Manko an mir entdeckt. Ich sagte 
ihr, daß ich es niemals als Sünde empfunden habe, sa 
lopp gekleidet zu sein. „Dies hat mein Gewissen noch nie 
belastet. Dennoch mögen Sie recht haben." 
Sie selbst, bemerkte ich, war sehr hübsch gekleidet. Das 
braune, flaumbesetzte Kostüm paßte wunderhübsch zu ih 
ren blonden Haaren, und es machte ihr sichtbarlich 
Freude, daß ich ihr über alles meine Bewunderung aus- 
sprach, von den Knopfstiefeln mit Samteinlage angefan 
gen bis zu dem niedlich schiefsitzenden Seidenbarett. 
Ich sagte ihr mit alledem nur die reine Wahrheit. 
Es sei sehr selten, meinte sie, daß ein Mädchen an 
einem andern Mädchen etwas hübsch finde, und in diesem 
Punkte sei ich entschieden nicht normal. 
Ich glaube, da bin ich rot geworden, denn normal 
möchte ich doch ganz gerne sein und auch dafür gehalten 
werden. 
Sie war nun sehr herzlich und lieb zu mir und be-
	        

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