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zen und spüre Fremdes, das nicht mehr da ist. Wie mag 
es meinem armen Holzbeinmann zumute sein? Er sah 
ja aus, als wäre er am liebsten gleich in meinem Zimmer 
gestorben. 
Aber hier wird nicht gestorben. Hier wird gelebt. Wo 
zu wäre sonst der Hundertmarkschein da? Ich werde ihn 
am Nachmittag wechseln. Ich lege ihn unter mein Tisch 
tuch. 
Ich habe gebadet und gesehen, daß ich noch zwei ganze 
Beine habe. Ist das nicht ein Grund, sich zu freuen? 
Meine Glieder sind unverletzt. Nichts steht aus meiner 
Haut geschrieben. Als wäre nichts gewesen. 2st die Na 
tur so verschwiegen? Wo wird alles registriert? 
Morgen will ich in Kastans Panoptikum gehen. Da 
hängt im Hintergründe des Raumes, den man zuerst be 
tritt, ein Christuskopf, das Schweißtuch der heiligen Ve 
ronika. Der empfindsame Schleier der empfindsamen 
Frau zeigt so wunderbar das schmerzdurchtränkte Ange 
sicht. Ich liebe dieses Bild sehr. So möchte ich, daß das 
Leid meiner ganzen Klaffe sich tief in meine Seele prägt, 
damit es nie verloren gehe. 
Verloren und umsonst hätte ich ja gelebt und gelitten, 
wenn ich vergessen könnte. Wenn ich einmal nicht 
mehr mit- und nachempfinden könnte — so unausdenk 
bar —, ich dürste nicht sagen, ich habe je empfunden. Al 
les, was war, wäre ja Lüge gewesen. 
So will ich denn alles in mir behalten und bewahren, 
denn es ist meine Bestimmung, zu behalten. Alles steht in 
mir. Und in mir ist alles neu, als geschähe die Vergan-
	        
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