/ 
212 
Ihr Gesicht, groß, blatternarbig, war eine weite, 
hellgraue Fläche, darin ein Paar kleine, blau unterstri 
chene Augen. Wenn sie den schmalen Mund zum Spre 
chen öffnete, blitzten hinter dem faden, vielsagenden 
Spalt, der in frischem chinesischem Lackrot leuchtete, eine 
Me,nge goldener Zähne. Goldzahn, das ist der Inbegriff 
der Kultur. „Zahn der Zeit," dachte ich. 
Es gab so vieles an diesem Mädchen zu sehen. Ich 
hätte sie mir noch viel länger ansehen mögen. Wenn ich 
genau hinsehe, sehe ich immer zum erstenmal; als habe 
ich vorher überhaupt nichts gesehen. 
Es ist wohl nicht schicklich, aber ich hätte gerne von ihr 
hören mögen, wie der weiße Glace-Einsatz in ihren 
schwarzen Lackschuh hineingekommen ist. Aber ich kam 
nicht soweit. Das Mädchen fragte mich: 
„Gefällt Ihnen mein Hut? Hab' ich selbst fabriziert." 
„Das hab' ich mir schon gedacht," gestand ich. 
„Man muß ja alles selbst machen. Ich heirate jetzt bald. 
Ich lieb' mir meine ganze Ausstattung zusammen." 
„Die lieben Sie sich zusammen?" fragte ich verwun 
dert. „Die können Sie sich doch nicht herträumen. Eine 
Ausstattung kostet doch Geld. Sie können doch nicht an 
Geld glauben. Das kann man doch nur anfassen und 
möglichst unbesehen wieder weggeben. Genau gesprochen." 
„Nicht an Geld glauben? Oh, du mein Himmel. An 
gar nichts anderes." 
„Wie entsetzlich," entfuhr es mir. 
„Mein Gott, haben Sie sich doch nicht so. Möcht' wis 
sen, warum das entsetzlich sein soll."
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.