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ich nachzulernen. Die Choristinnen sehen mich so mitlei 
dig an, wenn ich am Morgen allein mit dem Kapellmei 
ster finge, bevor die Stückprobe begonnen hat. 
Herr Direktor sitzt mit seiner jungen Frau in der 
Loge, und in der Dämmerung sehe ich von der Bühne aus 
ihre Ringe blitzen. 
Frau Direktor mustert mich durch das Lorgnon. Aber 
ich denke, es wird überall mit Wasser gekocht. Man kann 
nicht anders fingen als mit menschlicher Stimme, selbst 
Caruso nicht. 
Die Töne, die ich zu fingen habe, sind nicht zu verfeh 
len. Sie find mehr wie kinderleicht. Wird hier aufgefaßt, 
als hätten wir klassische Opern zu bieten. Nun, darüber 
ist das Wort zuviel. 
Hundertfünfzig Mark im Monat lasse ich mir für den 
Schwindel zahlen. Ich habe, was man zum Leben braucht, 
wenn auch mit schlechtem Gewissen. 
Meine Gedankenwelt ist durch dies Engagement eigen 
artig verschoben worden. Mir ist, als sei ich auf der 
Straße reiner gewesen. Ich war doch allein. Hatte alles 
allein zu verantworten. Hier stehe ich allabendlich vor vie 
len Menschen und helfe ihnen, die Zeit verschwenden. 
Die Burleske, die wir bieten, ist keine Kunst, die auch 
nur einem Menschen wirklich Schönes geben kann. Was, 
machen wir eigentlich da, wir Schauspieler? Für was 
für einen Unfug geben wir uns her? Hier spielen manche 
begabte Menschen, die ihr Talent prostituieren.
	        
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