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Wir kommen über dich nie hinweg. Nichts Menschliches
kann dich aus deiner Höhe vertreiben. Und es gibt keinen
Menschen auf dem weiten Erdrund, der nicht wenigstens
einmal zu dir gebetet hat. Bedenke: in jeder Seele gibt es
eine Stelle, aus der du nie verschwinden kannst. Da
wohnst du und kannst nie sterben. Und würde es nur ganz
leise geflüstert — „Vater unser" —, ich will dich dennoch
bitten. Oh, daß du mich erhören wolltest!
Vergiß alle Worte, alle Gebärden, alle Taten, die dein
göttliches Wesen nicht streifen. Denn du bist in uns. Wir
wollen sein in dir.
Stärke in jedem Menschen den geheimnisvollen Trieb,
der zu dir, dem Unsichtbaren, zieht. Die ewige Lust zum
ewigen Leben sei dir geweiht. So sei es.
Ich lasse mir jetzt ein schwarzes Frieskleid machen,
das die Form des Nonnenkleides hat. Es ist nicht frei
von Absicht. Die Einfachheit wird durch den schneeweißen
Mullkragen, der sich um den Hals legt, leicht betont. Aber
von der Absicht sind selbst die anspruchslosesten Nonnen
nicht frei. In jedem Kleide steckt irgendwie doch immer
ein Vorsatz.
Es gibt wohl nichts, wobei nicht ein kleines Stück
chen Eitelkeit wäre. Man kann sich drehen, wie man will.
Ist es nicht ein Segen, daß ich blond bin? Selbst die Na
tur kann man eitel nennen. Wenn nur mein Hang zum
Puritanischen nicht ertra eitel ist.
Johannes der Täufer mit seinem fanatischen Kleid aus