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ter aus Kentucky mitgebracht. Es gibt keinen Menschen auf 
der Welt, der es so wunderbar leise, so verloren und 
heimwehkrank singen kann, wie mein Vater es gesungen 
hat. 
Nun habe ich es an diesem Ort gesungen, preisgege 
ben, aber ich konnte ja gar nichts anderes spielen. Ich 
kann ja nur diese zwei Lieder ohne Noten spielen. Aber 
ich habe es singen müssen: 
„Oh my pover Nelly Grey." 
Dann stand ich rasch von meinem Platz auf und es wir 
belte mir durch den Kopf, daß mein Vater schon lange tot 
ist . . . Und da sitzt ein anderer Vater und sein Kind ist 
noch so klein. Wenn er es in seiner frühesten Jugend 
schon so allein läßt. . . was wird dann werden? 
Ich hab' dem Vater doch noch Glück gewünscht zu seinem 
Kinde, denn was lebt, muß man leben lassen, weil es lebt. 
Wie konnte ich nur so töricht sein, auf das Wohl eines 
neugeborenen Menschen nicht trinken zu wollen. Manch 
mal kann man auf so seltsame Gedanken kommen. 
Mir schien, die Gaste benahmen sich schmutzig zur Pa 
tronin. Sie ist schon eine ältere Frau. Ist es denn nicht 
eine Blasphemie gegen das Alter, wenn man diese Frau 
berührt? 
Nettchen sagte, es seien die Stammgäste, die sich einige 
Freiheiten erlauben dürften. Was ist das für eine Höf 
lichkeit? 
Die Patronin verbirgt ihr altes Gesicht unter einer 
Puderschicht. Das tut sie doch nur aus Zuvorkommenheit, 
das sollte doch respektiert werden, meine ich. Sie hatte
	        
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