Full text: Flametti oder vom Dandysmus der Armen

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Auf streifte er seinen Hemdärmel, ballte die Faust, 
eine Seele von Mensch, und liess den Muskel schwellen. 
Flametti tat das gleiche. So sass man sich gegen 
über auf dem Kanapee und sah sich voll trunkener 
Sympathie tief in die Augen. \ \ 
Anstiess jener, dass der Wein überschwappte und 
rief mit völkischer Urwüchsigkeit: 
„Prosit Flametti!“ 
Mutter Dudlinger aber, die ihn liebte in ihrer Seele, 
setzte sich auf seinen Schoss, brünstigen Gemütes, 
und umhalste ihn. Und ihr Speck hing über seine 
breiten Schenkel in vollen Schwaden. 
,Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, 
Der bleibt ein Tropf sein Leben lang/ 
Jenny war keineswegs gewillt, die Dinge gehen 
zu lassen, wie sie gingen. 
Sie beschloss, strengere Saiten aufzuziehen dem En 
semble gegenüber und auch zu Hause; Contenance zu 
bewahren. Ihre Massnahmen richteten sich zunächst 
gegen Fräulein Theres. 
Fräulein Theres mit ihren gichtbrüchigen Händen 
und erfrorenen Füssen litt unter der Kälte furchtbar. 
Schon als die Herrschaft in Basel war, sass Fräulein 
Theres in stillen Stunden weinend in der leeren Woh 
nung, für deren Heizung man ihr kein Geld schickte, 
und “gedachte trauernd der Maienzeiten, da sie mit 
Lödkchen und Stöckelschuhen noch ging auf der Neu 
hauserstrasse zu München und selig verliebte Blicke 
den jungen Herren zuwarf. 
Vierzig Jahre waren seither mit grauen Schleppen 
ins Land gegangen. Fräulein Theresens Gesicht war 
lang geworden, ihre Nase spitz, ihre Augen grell. Die
	        
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