Full text: Die Flucht aus der Zeit

Das Wort und das Bild. 
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Rubiner verteidigt in der „Aktion“ den Literaten gegen ver- Ascona, 
schiedene imaginäre und wirkliche Angriffe. Auch ich gehöre zu 
den Angreifern, gegen die man sich wehren muß. „Sie alle be 
schimpfen mit ,Literat', sie entehren im Wort ,Literat', sie arbeiten 
am Mißkredit mit ,Literat'.“ — Es ist aber gar nicht richtig, 
daß auch ich zu den Angreifern gehöre; auch für mich ist das 
Wort ein Ehrentitel. Der Literat ist einer, der das Wort um 
seiner selbst willen pflegt. Nur hat bei der weitgehenden Spe 
zialisierung der Zeit zwischen dem Literaten einer- und dem 
Dichter und dem Gelehrten andererseits eine Teilung stattgefun 
den, die meiner Ansicht nach vom Übel ist. Es gibt heute aner 
kannte Dichter, die jede Ahnung dafür verloren haben, daß das 
Wort vor allem und zunächst über ihre Höhe und ihren Wert 
aussagt. Und es gibt Gelehrte, deren Sätze zu zitieren man sich 
scheuen muß, ohne sie vorher stilisiert zu haben. Doch es gibt 
auch von Literaten einen Schwarm, der sich allen energischen 
Studien und jedem geordneten, aufschließenden Zug seiner Ge 
danken überhoben, zu jeder Kritik aber gleichwohl berechtigt 
glaubt. Man kann in diesem Sinne vom ewigen oder verbummel 
ten Literaten sprechen, wie man von einem ewigen oder ver 
bummelten Studenten spricht. Es wäre gut, wenn die Dichter und 
die Gelehrten wieder mehr Literaten (Wortkünstler, Buchstaben- 
fuchser) und die Literaten wieder mehr Gelehrte und Dichter 
(Logiker und Wundersüchtige) würden. Die Literatur setzt vor 
allem den Literaten voraus, wenn sie auch in den Dichtern und 
Gelehrten ihren Bestand hat. Und die Literaturkritik sollte, wenn 
Bücher sich präsentieren, vor allem den Literaten ins Auge fassen 
und aus der Syntax aufs Ganze schließen. Das scheinen Gemein 
plätze zu sein, sie werden aber keineswegs praktiziert. Wie wäre 
sonst jene Überzahl von bedeutenden Dichtern und Professoren 
vorhanden, die nicht einmal ordentlich schreiben können.
	        
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