Full text: Die Flucht aus der Zeit

Das Wort und das Bild. 
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* 
Das Dekadenzproblem (hier wie bei vielen andern). Die Schärfe 
der Triebe gegen ihre Lauigkeit und Tartüfferie. 
,Ich war niemals aus diesem Volke, war niemals Christ. Ich 
bin von der Rasse, die beim Todesurteil sang; ich verstehe die 
Gesetze nicht, habe keine Moral, bin ein roher Mensch*. 
Oder: ,Ich bin ein Tier, ein Neger, aber vielleicht bin ich 
gerettet; ihr seid falsche Neger, Wahnsinnige, Wilde, Geizige*. 
Manchmal spricht er in einer Art zärtlichen Dialektes vom 
Tode, der Reue bringt; von Unglücklichen, die wirklich exi 
stieren; von harten Arbeiten, von Abschieden, die das Herz zer 
reißen. 
,Dann erklärte ich mir meine magischen Sophismen mit 
der Halluzination der Worte .. .* 
* 
Negiert das Christentum die ästhetischen Werte? Nietzsche 18. XII. 
sagt es (zur „Geburt der Tragödie**): ,Tiefes feindseliges ' 
Schweigen gegen das Christentum im ganzen Buch. Es ist weder 
apollinisch noch dionysisch; es negiert alle ästhetischen Werte; 
es ist im tiefsten Sinne nihilistisch.* Ist das richtig? Franz von 
Baader bezeichnet sehr gegensätzlich im Anschlüsse an Baco die 
Religion, und also das Christentum als die höhere Dichtkunst. 
Es gibt bei Baader Stellen — ich habe sie nur in Erinnerung —, 
wo von fiktiven Wahrheiten die Rede ist; so wie ein Gedicht 
wahr ist, ohne daß man es in der Wirklichkeit nachweisen kann. 
Auch Wildes Aufsatz über die Kunst des Fingierens und was er 
darüber in Bezug auf den Orient in der Kirche sagt, fällt mir 
wieder ein. Aber es könnte sein, daß das Christentum die Kunst 
mehr in die Persönlichkeit, als in die Werke verlegt, und daß 
es einen besonderen Weg zur Unsterblichkeit kennt, einen Weg, 
den der Ästhetizismus nicht gelten läßt.
	        

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