Full text: Die Flucht aus der Zeit

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Wir wohnen jetzt im kleinsten und friedlichsten Tessiner Dorf- Agnuzzo, 
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chen, das man sich denken kann. Der Postbote, Herr Donada, 
der einen alten ländlichen Palazzo verwaltet, stieß die seit 
Jahren nicht geöffneten Fensterläden auf, und Spinnen und 
Motten stoben hinaus in die Sommerluft. Über dem See liegt ein 
Garten und zu dem Garten führt eine breite Glyzinientreppe. 
Wir haben Schwalben, gemalt an der Decke und draußen über 
dem Fenchel. Der Blick reicht über das grüne Wasser, in dem 
sich die Birken spiegeln, bis weit hinüber nach Caslano und 
Pontetresa zur italienischen Grenze. 
* 
Das erste, was ich hier unternahm, war, daß ich mich in die 20. X. 
Acta Sanctorum vertiefte und mich mit Heiligenleben umgab. 
Nun kann kommen, was da mag: ich werde einen unverwirrbaren 
Standort haben. Ich gehe die Legende von Monat zu Monat durch 
und mache halt, wo eine verwandte Erfahrung, ein gleicher Ge 
danke, ein fernes Gefühl anklingt. Das erste Datum, das mich 
festhielt, war der 17. Januar. Nun beschäftige ich mich, nach 
allen Seiten ausgreifend und nachtastend, mit Antonius, dem 
Eremitenabt. Ich komme mir dabei keineswegs als Bettler vor. 
Nach ihrer Belastung und ihrem Wissen steht unsere Zeit hinter 
keiner, die jemals war und sein wird, zurück. 
* 
Wir haben auch eine kleine Dorfkapelle, die dem heiligen 29. X. 
Andreas gewidmet ist. Justinus sagt, das X bei Plato sei das 
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