Full text: Die Flucht aus der Zeit

Die Kulisse. 
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tete doch das gewichtige Wort: ,Wir wissen, daß wir unrecht 
tun.. .' 
* 
Mit aller mir zu Gebote stehenden Leidenschaft bin ich be- 17. X- 
müht, mir gewisse Wege und Möglichkeiten (so z. B. Karriere, 
Erfolg, eine bürgerliche Existenz u. dgl.) völlig und für alle 
Zeit zu verlegen. Mein gegenwärtiges Leben ist dazu angetan, 
mich in dieser Absicht kräftig zu unterstützen. Von Zeit zu Zeit, 
wenn die verdächtige ,Harmonie' meiner Natur sich durchringt, 
wittere ich Unrat und bin instinktiv bemüht, irgendeine Torheit, 
einen Fehltritt, einen Verstoß zu begehen, um mich vor mir 
selbst wieder herunterzubringen. Ich darf gewisse Talente und 
Fähigkeiten nicht aufkommen lassen. Mein höheres Gewissen, 
meine Einsicht verbieten mir das. 
* 
,Erkenne dich selbst.' Als ob es so einfach wäre! Als ob 
es dazu nur guten Willens und eines nach innen gerichtete^ 
Blickes bedürfte. Wo ein ewiges Ideal in festgefügten Formen der 
Erziehung und Bildung, der Literatur und der Politik verankert 
liegt, dort mag der Einzelne sich vergleichen, dort mag er sich 
sehen und korrigieren können. Wie aber, wenn alle Normen er 
schüttert und in Verwirrung sind? Wenn Trugbilder nicht nur 
die Gegenwart, sondern die Generationen beherrschen; wenn 
Rasse.und Tradition, wenn Blut und Geist, wenn aller zuverlässige 
Besitz der Vergangenheit entgottet, entweiht und entwertet sind? 
Wenn alle Stimmen der Symphonie miteinander im Streite liegen? 
Wer will sich dann selbst erkennen? Wer will sich dann finden? 
* 
Es ist notwendig, daß ich alle Rücksicht auf Herkommen, 
Meinung und Urteil fallen lasse. Es ist notwendig, daß ich den 
flatternden Text auswische, den andere geschrieben haben. 
*
	        

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