Full text: Die Flucht aus der Zeit

Die Kulisse. 
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über die Hutschnur fahren. Und wird zum Beschluß unsere sizilia- 
nische Meerkuh Ihnen auf einem Muschelhorne die Tropfstein 
grotten des Elends blasen/ 
Die isolierten Geistesträger der letzten Epoche neigen zu Ver 
folgung, Epilepsie und Paralyse. Sie sind Besessene, Vertriebene, 
Maniakalische, ihrem Werk 1 zuliebe. Sie wenden sich an das Publi 
kum, als solle es sich ihrer Krankheit annehmen; sie legen ihm 
das Material zur Beurteilung ihrer Zustände vor. 
* 
Die tätowierte Dame heißt Frau Koritzky und nennt sich 4. XI. 
Nandl. Sie hat ein Kabinett in einer Bierwirtschaft, aus der sie 
die Gäste zu sich herübernötigt. Man zahlt dreißig Centimes, 
Artisten frei. Sie entblößt die Brust, die Arme und die Ober 
schenkel (Sittlichkeit ausgeschlossen, die Kunst hält das Gleich 
gewicht) und ist dann über und über mit Portraits, Seerosen, Blu 
menranken und Blattgewinden bedeckt. Der Gatte spielt Zither 
dazu. Das Gesäß bedecken zwei Schmetterlingsflügel. Das ist zart 
und zeugt für ästhetische Norm. Irgendwo las ich einmal von einer 
indischen Tätowierten, die sich die Namen ihrer Liebhaber in die 
Haut punktieren ließ. Das ist hier nicht der Fall. Nandl bietet 
mit ihren Porträtmedaillons eher einen Kursus in der deutschen 
Musik- und Literaturgeschichte. Es betrifft die Bildung, nicht die 
Erotik. Die Operation des Tätowierens soll übrigens sehr 
schmerzhaft, mitunter lebensgefährlich sein. Es zeigen sich Ver 
giftungssymptome, die von der Farbe herrühren. Die blauen 
Samtfiguren im Fleisch sind nicht unschön und gewähren ein 
primitives Vergnügen. 
Das Tätowieren war ursprünglich wohl eine hieratische Kunst. 
Wenn sich die Dichter ihre Verse, oder auch nur ihre Urbilder ins
	        
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