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„Du sollst“ gibt es für ihn nicht mehr; ihm hat die 
Zigarrenspitze und der Regenschirm denselben zeitlosen 
Wert als das Ding an sich. Ein Pissoir ist auch ein Ding 
an sich. Das Gute ist für den Dadaisten deshalb nicht 
„besser" als das Schlechte — es gibt nur eine Gleich 
zeitigkeit, auch in den Werten. Diese Gleichzeitigkeit 
auf die Ökonomie der Tatsachen angewendet ist Kom 
munismus, allerdings ein Kommunismus, der das Prinzip 
des „Bessermachens" aufgegeben hat und sein Ziel vor 
allem in der Zerstörung des Bürgerlich Gewordenen 
erblickt. Der Dadaist ist also gegen die Idee des Para 
dieses in jeder Form und einer der entferntesten Ge 
danken ist ihm der, daß „der Geist die Zusammenfassung 
aller Mittel zur Verbesserung der menschlichen Existenz 
sei“. Das Wort „Verbesserung“ ist dem Dadaisten in 
jeder Form unverständlich, da er dahinter eine hand 
werkerische Betätigung an diesem Leben sieht, das zwar 
unnütz, ziellos und gemein, aber als solches durchaus ein 
geistiges Phänomen darstellt und gar keiner Verbesserung 
im metaphysischen Sinn bedarf. Geist mit Verbesserung 
überhaupt zusammen zu nennen ist für den Dadaisten 
eine Blasphemie. Das „Böse“ hat einen tiefen Sinn, die 
Polarität des Geschehens findet in ihm eine Grenze und 
der wirkliche Politiker (wie Lenin einer zu sein scheint) 
bringt zwar eine Bewegung in die Welt, d. h. er löst mit 
Hilfe eines Theorems Individualitäten auf, aber er ändert 
nicht. Auch das ist, so paradox das scheinen mag, der • 
Sinn der kommunistischen Bewegung. 
Der Dadaist nützt die psychologische Möglichkeit aus, 
die in seiner Fähigkeit liegt, seine eigene Individualität 
loszulassen wie man ein Lasso losläßt oder wie man einen 
Mantel im Wind flattern läßt. Er ist heute nicht mehr 
derselbe wie morgen, er ist übermorgen vielleicht „gar 
nichts“, um dann alles zu sein. Er ist der Bewegung 
des Lebens ganz hingegeben, er steht innerhalb der 
„Kanten“ — aber er verliert doch niemals die Distanz 
zu den Erscheinungen, weil er zu gleicher Zeit die
	        
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