Kurt Schwitters 
Es gibt weder Vor- noch Nachworte zur Kunst. Sie bleibt unerklärbares Wunder, 
das erlebt oder getötet wird. Worte können das Wesen eines Künstlers umschreiben und 
den Weg zur Notwendigkeit seines künstlerischen Ausdrucks weisen. Durch Bekanntschaft mit 
dem Künstler kann das anfangs Befremdliche seiner neuen Ausdrucksform beseitigt werden. 
Durch Erkenntnis der Ursprünglichkeit und des gesetzmässigen Werdens der Merz-Kunst, als 
deren Urheber Kurt Schwitters erscheint, werden jene Verstandeshemmungen gegenstandslos, die 
den Künstler zum öffentlichen Aergernis fast aller Presseschreiber und ihres Gefolges, der intel 
lektuellen, unkünstlerischen All-Gemeinheit machten. Herkunft, Werden und Entfaltung schildert 
Kurt Schwitters selbst. 
„Grosseltern Beckemeyer, Hannover. Tischlermeister. Sehr gut bürgerlich, einfach. 
Grossvater Epileptiker. Grossmutter wusste aus Pfennigen Taler zu machen. Sparsam. Nur 
fünf Kinder. Meine Mutter Plenriette verdiente schon früh Geld mit. Seit ihrem dreizehnten 
Jahre nähte sie für ein Modewarengeschäft, in dem sie mit 17 Jahren Direktrice wurde. Musi 
kalisch sehr begabt, schlechte Zähne. Mit einundzwanzig Jahren eigenes Modewarengeschäft.“ 
„Grossvater Schwitters in Ostfriesland Schuhmachermeister, (Schuster confer Servaes), 
sehr jähzornig. Grossmutter Schwitters früh *j\ Zweite Frau. Mein Vater hatte also Stiefmutter. 
Fünf Geschwister. Mein Vater Nervenfieber, Lehrling, Kommis im Modewarengeschäft. Be 
schäftigte sich besonders mit Dekorieren 1886 eigenes Geschäft in Hannover, schlechte Zähne.“ 
„Ich selbst *20. Juni 1887, Hannover, Veilchenstrasse. (Das Veilchenland) Meine 
Amme hatte zu dicke Milch und zu wenig, da sie über gesetzlich erlaubte Zeit hinaus mich ge 
nährt hatte. Die Amme wurde bestraft. So lernte ich gleich die Bösheit der Welt am eigenen Leibe 
fühlen: Grundzug meines Wesens Melancholie. Bis 1909, abgesehen von allerhand Reisen überallhin, 
in Hannover gelebt. (Revon). Ich nannte mich Kuwitter, machte mich nass und wurde ins 
Badezimmer gesperrt. Ostern 94 kam ich zur Schule, Realgymnasium I. Hannover. Sozusagen 
begabter Schüler. Ausser Zeichnen und Schreiben Zensuren 4 und 5. Schule hat mir viel 
Spa-s gemacht, das kann ich nicht anders sagen. 98 lernte mich das Dorf Isernhagen kennen. 
M a erster Landaufenthalt. Ich hatte da einen kleinen Garten. Rosen, Erdbeeren, ein künst- 
lic ! ,r Berg, ein gegrabener Teich. Im Herbst 1901 zerstörten mir Dorfjungen meinen Garten 
v meinen Augen. Vor Aufregung bekam ich Veitstanz. Zwei Jahre krank, völlig arbeits- 
l.. hig. Durch die Krankheit wechselten meine Interessen. Ich bemerkte meine Liebe zur 
Kunst. Anfangs machte ich Couplets in der Art der Variete-Komiker. An einem Vollmond 
herbstabend fiel mir der klare, kalte Mond auf. Seitdem dichtete ich lyrisch-sentimental. Dann 
schien mir Musik die Kunst zu sein. Ich lernte Noten und musizierte den ganzen Nachmittag. 
1906 sah ich in Isernhagen zum ersten Mal Mondschein-Landschaft und begann zu malen, 
100 aquarellierte Mondscheinlandschaften vor der Natur. Mit Stearinkerzenbeleuchtung. Ich 
entschloss mich Maler zu werden. Bekannter Widerspruch der Eltern: Erst Maturum, dann 
gern. Nebenbei besuchte ich abends die Kunstgewerbeschule und wurde langsam akademisch. 
Ostern 08 Abiturüntenexamen. Beim Bummel im Zylinder sprach mein Conabiturient Harmening 
das Wort; „Lasst nicht den melancholischen Schwitters vorangehen, sonst gleicht unser Zug 
einem Trauerzuge.“ 
„08 bis 09 Kunstgewerbeschule Hannover. 10, Juni 08 Verlobung mit Helma 
Fischer. 09 bis 14 Kunstakademie Dresden. Bei Bantzer, Kühl, Emanuel Hegenbarth. Inzwi 
schen wurde ich in Berlin an der Akademie als talentlos abgewiesen. Der Sekretär (?) tröstete 
mich, ich wäre jung und hätte das Maturum, ich könnte noch studieren, zur Malerei reichte es 
nicht. Das hätten alle Professoren einstimmig behauptet. 1911 wurden me ; Bilder zum ersten 
Male von der Kunstgenüssen chaft Hannover abgewiesen. 1910 auf einsamer v/anderung in der
	        

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