Full text: 1914-1916 (1914-1916)

ihrer Bedrängnis die itmen zugedachten Posten, die vielleicht Vorposten sind. 
Es wäre gemein zu fordern, daß Einer, der seiner Abstammung nach in gleichem 
Maße zwei Nationen angehört, heute die eine oder andere verleugne. Heute 
nicht I Vor all dem vergossenen Blut erhebt sich heute die Stimme des Blutes 
lauter als alles, wie es heute in einem Halb-Romanen Deutschlands aussieht, 
das weiß kein Deutscher und kein Franzose, das kann nur sein Echo finden in 
der (Qual eines Halb-Germanen in Frankreich. Denn wie die eingestürzten Häuser 
unserer Grenzorte, die wechselseitig umstritten, von den Rugcln beider Gegner 
zerschossen liegen, so sind wir in uns selber zusammengestürzt. 
Du weißt: ich habe mich von meinen deutschen Landsleuten nur dadurch 
Vielfach unterschieden, daß ich immer so stolz darauf war ihnen anzugehören 
und, daß ich im Ausland mir der aufgezogenen Fahne meines Deutschtums so 
begeistert herumging. Du hast auch gehört wie unermüdlich ich ihnen zurief: 
Die Verschmelzung Eurer Wesensart mit der Eurer westlichen Brüder ist für 
das Heil Europas unerläßlich und die Stunde für eine Anleihe ihrer (Quali 
täten hat geschlagen. Denn nicht eher seid Ihr die Berufenen. Jawohl! Ich 
weiß es schon, Ihr seid tiefer, gründlicher, männlicher, Ihr seid auch vielleicht 
reicher besaitet, Euer Geist ist weiter ausgebuchtet. Aber Ihr habt die poli 
tischen Lehrjahre noch nicht hinter Euch! Ihr seid die politisch Ahnungslosen, 
die politisch Ungeschulten, die Unpolitischen par excellence. Ihr versteht es nicht 
mit den Franzosen auszukommen, was noch alle anderen Elationen fertig brachten. 
Es ist gar nicht so schwer. Nur sachte! rief ich ihnen voll Besorgnis zu. Nicht 
so schnell! Um Gottes willen was macht Ihr da! Falsch! 
Leute wie ich, die zu ihrer (Qual (denn in keinem Lande sind sie ganz da 
heim) eine Versöhnung der heterogenen deutschen und französischen Elemente 
Verkörpern, waren sicherlich vor allen Anderen befugt, ihre Meinung abzugeben. 
Die Rluft war ja so groß geworden, daß wir allein, die Mitte Weges standen, 
sie überschauen konnten. Doch wer achtete unser? — sie wußten es besser, hier 
wie drüben; und da alles fehlschlug, zog man es vor die Franzosen für er 
ledigte, die Deutschen für vernichtbare Leute zu halten. Nichts von all dem! — 
Indessen glauben sie's noch immer! Ach und mir dünkt es ist gerade genug 
für ein Menschenherz seinen Jammer und seine Sorge um die Not eines Volkes 
in unseren Tagen zu bewältigen. Aber Leute wie ich werden auch noch am 
Tage des Sieges sich verkriechen müssen. Denn immer wird es Jerusalem und 
seine Rinder sein, um die sie weinen werden. Ach wir sind es, die hätten 
sterben sollen! 
Annette Rolb
	        
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