Full text: 1914-1916 (1914-1916)

und soweit geheim bleiben soll, daß das gewöhnliche Personal den Verletzten 
nicht zu Gesicht bekommt und nicht darüber redet. Ich werde ihn oben in ein 
kleines Zimmer legen und Sie mit seiner pflege betrauen. Machen Sie sich auf 
etwas Abscheuliches gefaßt, es ist ein Offizier, der den Händen rasender Weiber 
halbtot entrissen wurde." 
Um 1l Uhr wurde der Verstümmelte in den Operationssaal getragen, wir 
hatten drei Stunden mit ihm zu tun. Der Ropf war eine einzige große Bandage, 
mit einem Luftloch in der Mitte, aus der aber keine Nase, sondern nur ein 
blutiges Nichts heraussah. Mir ahnte nichts Gutes bei diesem Anblick, aber 
wie wenig hatte der Verlust der Nase zu bedeuten. Die Megären hatten noch 
mehr getan, als sie abzuschneiden. Die Ohren fehlten, beide Augen fehlten, und 
dazu kam noch eine halbdurchgeführte Rastration, die wir nur zu Ende zu 
bringen hatten. Es war entsetzlich, auf diese armen zerstörten Augen, über 
diese fehlende Nase die Aethermaske zu legen; es war meine Aufgabe, da der 
Schwester ein solcher Anblick erspart werden sollte. 
Zwei Tage später kehrte die volle Besinnung des Offiziers zurück. Er wußte, 
was mit ihm geschehen war, nur der Verlust der Ohren war ihm unbekannt. 
Es war ein Hauptmann, ein vierzigjähriger Mann, der eine junge Frau in 
Deutschland harre. Er verlangte stürmisch Gift. Mir fiel die schwere Pflicht, ihn 
durch Worte zu beruhigen, fast ganz zu, der Oberstabsarzt hatte zu viel zu tun. 
Der Verwundete knirschte, daß man ihn nicht hatte verbluten lassen. Er 
nannte uns grausamer als die belgischen Weiber. Als der Oberstabsarzt einen 
Tag später wieder an sein Bett trat, wurde er plötzlich ruhig und bat um 
einen Liebesdienst. Man solle seiner Frau telegraphieren, daß er gefallen sei. 
Er begegnete einer Weigerung. Er bat weiter, mit einer Beherrschung, die 
gefährlicher als Rasen und Stöhnen war. 
„Nie darf sie wissen, was mit mir geschehen ist und wie ich hier liege, nie, 
nie. Heute Nacht wollte ich mich zum Fenster tasten und mich hinausstürzen, 
aber ich verschiebe meinen Tod. Ich will so nicht heimkehren, ich bin ja kein 
Mensch mehr, ich werde sterben, aber ich will so lange warten, bis ich gehört 
habe, daß wir siegten. Und nun telegraphieren Sie." 
Er fetzte seinen willen durch. Ich war es, der das Telegramm aufgab, an mich 
klammerte er sich, mir vertraute er, weil ich ein Mann von seiner Bildung war. 
Die Wochen vergingen. Seine Wunden heilten zu, er lag ruhig in seinen 
Verbänden. Mit seinem Weib und dem Leben hatte er abgeschlossen, was 
ihn beschäftigte, war nur die Zeitung. Ich mußte sie ihm täglich vorlesen. In 
Gedanken machte er die Gewaltmärsche gegen Paris, die Streifzüge der Reiterei, 
die Erkundigungen der Flieger mit. Glockengeläute war sein Labsal, denn cs 
bedeutete Sieg. Dann kam der Rückzug bis zur Aisne. Er atmete nicht mehr 
vor Schrecken. Die Nachrichten lauteten wieder gut. Antwerpen fiel. Danach 
wurde er von Neuem ungeduldig, warum hörte man nichts vor Verdun, warum 
ging es nicht vorwärts? Rennen Sie die Erzählung Daudets von dem alten 
kranken französischen Offizier, dem seine Tochter erzählt, wie J$70 die Franzosen 
in Deutschland vordringen, bis er eines Tages Märsche hört, die er nicht kennt, 
IV7
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.