Full text: 1914-1916 (1914-1916)

und in dem Augenblick, wo seine Gedanken beim Einzug in Berlin weilen, die 
Preußen in den Straßen von Paris sieht und auf seinem Balkon zusammenbricht? 
Gleich diesem Mädchen fälschte ich die Wahrheit — nicht so schlimm wie 
in der Novelle, denn wir standen ja gut, aber ich ließ heute ein Fort von Toul 
nehmen, morgen Reims erobern, Soissons wurde unser, schon standen wir wieder 
vor Paris. Ich hoffte immer, die Wirklichkeit hole mich ein, aber zuletzt mußte 
ich die Schützengraben, mit denen sich beide Heere Schach geboten, doch wieder 
einführen, nur daß sie ein Stück südlicher als in Wirklichkeit lagen. 
Er begriff. Er verzweifelte nicht, aber die Spannung in ihm brach, er 
wandte sich wieder sich selbst zu und verlangte wieder zu sterben, wir waren so ver 
traut miteinander geworden, daß er wie ein Rind mit seiner Mutter mit mir sprach. 
Ich sei sein Freund, und ich sei ein Mann: hilf mir doch, gib mir das Gift. 
Das Gift: Ich hatte es und brauchte es nicht einmal zu entwenden. Vor 
Jahren war an alle Offiziere, die in Afrika gegen die Hereros kämpften, 
ein Fläschchen Lyankali gegeben worden, damit sie verwundet nicht in die grau 
samen Hände der wilden zu fallen brauchten. Einer meiner Freunde war 
gesund zurückgekommen und hatte es mir zum Andenken überlassen. In der 
Falte meiner Handtasche hatte ich es jetzt wiedergefunden und dieser Zufall 
beschäftigte mich. Ein kleines weißes Pulver, auf einen Löffel gelegt und an 
diese Lippen geführt, und es war vollbracht. Hatte ich das Recht dazu? Ich 
ging seine Verletzungen durch. Die Ohren, das war nicht schlimm; die Nase 
konnte ersetzt werden. Die Augen — es gab so viele Blinde, und gewiß war 
sein Weib gut. Aber das andere — auch das vielleicht wäre zu tragen gewesen. 
Doch zusammen mit den Augen — nein; alles zusammen — ein geschändeter 
Mann, ein vierfacher Krüppel, Nein, das fühlte man unmittelbar. 
Da sollte er weitertransportiert werden, nach Deutschland hinein, wieder 
sein XXit, nie, wieder der Schwur, er werde auf hundert Arten sich zu töten 
versuchen, sich losreißen, keine Nahrung mehr nehmen. Und das, der Hunger 
tod, wurde seine Erleichterung. Er nahm nichts mehr an. Der Oberstabsarzt 
drohte mit Zwangsernährung, aber der Hauptmann hörte an seiner Stimme, 
daß er es nicht befehlen würde. 
Er richtete eine letzte verzweifelte Bitte an mich. 
„Für alle in der Heimat bin ich schon lange tot, sie tragen seit Wochen 
Trauer, sie sind gefaßt, wer wollte ihnen und mir ein so entsetzliches wieder 
sehen zumuten?" 
Da sprach ich ihm von meinem Fläschchen. Er verlangte, ich solle ihm das 
Gift geben, Gott und die Menschen würden mich freisprechen. Ich selbst 
konnte es ihm nicht eingeben, aber ich kratzte das Schild mit dem Totenkopf 
ab und löste die Schnur über dem Pfropfen. 
Am nächsten Morgen fand man ihn tot. Der Oberstabsarzt sah mich an. 
Ich hielt den Blick aus. Er fragte nicht und steckte das Fläschchen zu sich. 
Dann stellte er den Totenschein aus. 
Hatte ich Recht? Nein, hatte ich Unrecht, großes Unrecht? 
Otto Flake 
ros
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.