Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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wie reden immer noch von Belgien und der Verletzung seiner Neutralität, 
immer nsch von den Greueln, die wir nicht begangen haben, von den Ein 
wohnern, die wir nicht erschossen, Gefangenen, die wir nicht mißhandelt, Weibern, 
die wir nicht geschändet haben, wir deklamieren, daß wir nur befestigte oder 
im Bereich der Aktionen liegende Plätze aus Kanonen, Flugzeugen oder Luft 
schiffen bewerfen und Kathedralen und Rathäuser nur dann zum Ziele nehmen, 
wenn die feindlichen Operationen uns dazu zwingen, wir halten Reden darüber, 
daß wir den Rrieg nicht gewollt und nicht begonnen haben, daß wir in der 
Abwehr stehen gegen die Angriffe der Feinde, eine Abwehr, die nur militärisch 
ein Angriff wurde. 
Dies alles und vieles andere noch tun wie nicht nur an Biertischen und 
in Kaffeehäusern kund, nicht nur auf vaterländischen Veranstaltungen und in 
Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und Büchern, wir haben auch besondere 
Einrichtungen getroffen, vermöge deren wir dem Ausland unser Denken un 
mittelbar mitzuteilen hoffen. 
warum eigentlich diese große Rechtfertigung? Denn nichts anderes ist 
es, als daß wir uns immer wieder zu rechtfertigen suchen, warum diese Recht 
fertigung 7 Einige meinen, vor dem Forum der Menschlichkeit schlage uns das 
Gewissen. Könnten wir uns aber nicht damit beruhigen, daß wir das Recht 
haben, unseren Feinden vorzuwerfen, daß, falls wir das alles getan haben 
sollten (was wir bestreiten müssen), sie selbst das Gleiche getan haben, da sie 
alle vielerlei Barbarei begangen, die Engländer dazu noch lügnerischer Heuche 
leien, die Franzosen schamlosester Hetzereien sich schuldig gemacht haben 7 warum 
also unsere Rechtfertigung 7 Vor wem wollen wir uns moralisch verteidigen 7 
wenn nicht vor unseren Feinden, so vielleicht vor den Neutralen, deren 
Behuf die Wahrung der Menschlichkeit sein soll, wie etliche sagen. Zweifellos 
kann sie das sein. Es ist der Fall denkbar, daß ein neutraler Staat die Auto 
rität hat, im Namen der Menschlichkeit, soweit wir diesen Begriff in einer 
Zeit des Eisens noch kennen, Recht zu sprechen über die Art, wie dieser Rrieg 
geführt wird, welchem neutralen Staat aber möchten wir heute dies Recht 
zuerkennen, wo doch keiner dieses Rechtes wert ist, wo sie doch alle ihre würde 
dahingegeben haben aus Furcht, auch ihnen könne, politisch oder wirtschaftlich, 
irgend etwas geschehen. Da sie alle es vorgezogen haben, mit den Verhält 
nissen sich irgendwie abzufinden, und keiner ein offenes Wort, ein Wort nach 
dem Herzen wagt und alle sich hinter einem blutleeren Begriff von Neutralität 
verschanzen, der in Wahrheit alles andere ist, nämlich ein Lavieren von Tag 
zu Tag und im besten Fall ein Kompendium offizieller und offiziöser Berichte 
aller Rriegführenden: wie kann da einer von ihnen noch das Ansehen haben, 
das derjenige haben muß, der Recht sprechen will 7 Da man sich abgefunden hat, 
hat man auf Meinung verzichtet. Man ist mitten durchgebrochen und, heillos 
krank, verbeugt man sich dorthin, wo man, wenn man ehrlich wäre, sich schämen 
würde, Reverenz zu machen. Dieser Gesellschaft Ohren wollen wir uns erbitten?
	        
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