Full text: 1914-1916 (1914-1916)

ch frage mich, sehr geehrter Herr, ob ich Ihnen in Papier ein 
gebügelte Augenblicksempfindungen überlassen soll, jetzt, wo wir 
gewissermaßen in der Rirche find, aber nicht über Religion 
sprechen, nicht dem Organisten Beifall spenden, nicht die Lele- 
brierenden beobachten und erleben dürfen, und find doch mitten 
in der Rirche, voll Andacht, voll Andacht, und, Gott verzeihe mir, 
noch erfüllter von heiligster, profaner Zerstreutheit.... Soll ich Ihnen nicht lieber 
von Mozart ein Lied nennen? wollen wir nicht schweigen und uns jubelnd 
der Siebenten hingeben? Soll ich Ihnen ins Blaue telegraphieren: „Gefahr einer 
Ueberschäyung Richards von Bayreuth meinerseits niemals geringer als heute. 
Brief folgt." ? Iß fühle kein Bedürfnis in zwei Worten eines Dinges habhaft 
zu werden, das, in gleichen Abständen, mich mit „Ia" anbrüllt und mit „Nein", 
das mich, ja, mich ganz verlangt, einmal als Abenteurer, einmal als Rünstler, 
einmal als Mann, einmal als Weib, und das ich zuerst wiederum fremd ansehe 
und mit innerster Gleichgültigkeit. Und dann.... Liebe zum Handwerk an sich 
— Werkmeister sein irgendwo Der Rrieg ist ein Handwerk. Man weiß 
viel über das Handwerk, auch daß es in Runst, in Musik aufgehen kann; bis 
wohin es vom Handwerker gemeistert wird und wo es beginnt, grausam den 
Werkmeister anzugreifen und zu zermalmen, wissen wenige. 
Aber auch von diesem Handwerk braucht die Welt nicht zu erwarten, daß 
es den andern, die der Rrieg nur oberflächlich, fast kollegial berührt, den Garaus 
mache. Denn, noch singen die Blaumeisen auf schwarzen Winterzweigen, noch 
pflegen sich schnurrende Dachkater, noch vollenden die Wolken auf Himmelsmeeren 
willkürliche Landkarten, die sie gelassen wieder auflösen. 
Es krachen wohl Banken und Tausende werden an Tüchern, ehedem Mäntel 
der christlichen Nächstenliebe genannt, unter welchen es sich angenehm herab 
sehen ließ, hungernd nagen, (wird wirklich viel mehr gehungert werden, 
werden nicht auch einmal andere hungern und andere satt werden?) I«, und 
Tausende sterben heute den Tod, den Iäger dem wild verschaffen. (Tausende 
entgehen dem bürgerlichen Zerfall unter Singsang und Iammern und muffig- 
trüben Glückwünschen von Rüstern und Apothekern.) 
Alle Schafe der Erde haben für Europa Tuche geliefert. 
Alle Mäuse der Erde fühlen sich nach der Mode gekleidet. 
Allen Schmarotzern in Tarnkappen dünkt die Welt etwas offener, so daß 
sie den Rreislauf wagen. 
wie mit Expressen rücken aus Nebeln zu Eisen verhärtete Träume der 
Industriepriester aneinander und gelangen lebensfähig ins Freie. 
Statt Roggen wächst aus dem Boden diewolle. Schon zu Platten und Rädern 
verarbeitete Metalle schwitzt die Erde aus den Werken. Rohre schießen sich selbst 
ans Tageslicht. Tiere halten ihr Leder den neu erzauberten Maschinen hin. 
In solcher Zeit der fahrenden Blitze kennt unser planet die Grenzen auf 
seiner Rinde nicht mehr. Inr Mond, glaube ich, teilt man jenen, in kostbaren
	        
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