Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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L^urch drei Tage sprach der Mann von der Schlacht. Verlangte abwechselnd 
Wasser und seinen Säbel, kommandierte zum Sturm und redete viel von einem 
Wald, in dem sich der Feind verborgen hält. Dann forderte er weinend, man 
möge dem Major eine wichtige Meldung überbringen. Am vierten Tag beruhigte 
er sich, da wurde ihm zu Mute, als läge er auf der Spitze eines felsigen Berges, 
auf kaltem Schnee, unermeßlich hoch und feit langer, langer Zeit, im Gespräche 
mit dem steinernen Menschen, als habe es nie etwas anderes gegeben, nur diese 
verschneite Bergspitze, auf der sie schon seit Jahren siyen und miteinander streiten. 
Spöttelnd und mit bedauernder Ueberlegenheit brachte der Steinmensch 
seine Beweise vor, der Mann aber debattierte mit Leidenschaft. Der endlose 
Streit drehte sich darum, daß er sein Herz erklärte und dem Steinmenschen 
voll Leidenschaft bewies, fein Herz sei aus Fleisch, müsse sich bewegen und pochen, 
weil in ihm Leben. Der Steinmensch wehrte mit geringschätzigen Handbcwe- 
gungen ab, lächelte spöttisch und nahm dann mit einem Griff das Herz des 
Mannes aus der Brust. 
„XXwi schauen Sie selbst, Sie Unglücksmensch, der Sie um jeden preis mit 
mir streiten wollen... Betrachten Sie Ihr Herz genau — es ist aus Stein." 
Oualerfüllt raffte sich der Mann auf und betrachtete fein Herz — dort lag 
es in der Hand des Steinmenschen und bewegte sich tatsächlich nicht. 
„Zeigen Sie es mir, geben Sie es näher zu mir," keuchte er in hartnäckigem 
Beharren. 
„Nach Belieben ... es steht Ihnen auch ein Mikroskop zur Verfügung," 
erwiderte der Steinmensch achselzuckend. 
„Sehr wohl," setzt der Mann den Streit fort, „ein Mikroskop ist unbedingt 
notwendig, wenn man etwas sehen will. ... Haben Sie denn nicht von den 
roten und weißen Blutkörperchen gehört? Diese sind es, die im Herzen zirku 
lieren, und um sie zu sehen, benötigt man ein Vergrößerungsglas. Geben Sie's 
her und ich beweise Ihnen sofort, daß sie sich bewegen." 
wieder zuckte der Steinmensch und richtete ihm das Mikroskop zurecht. 
„Natürlich ... unter dem Vergrößerungsglas ist es rund," sagte der Mann 
verständnisvoll, „und auch nicht mehr rot von Farbe." 
Das Herz war unter dem Objektiv des Mikroskops auch wirklich kugel- 
förmig, und als sich feine Augen an die Beleuchtung des Instrumentes gewöhnt 
hatten, tauchten auf der Oberfläche der Rugel launenhafte Zeichnungen und 
Farbenflecke auf. Die Linien schienen ihm bekannt und er unterschied mit 
Erstaunen zuerst die Umrisse von Spanien, dann die skandinavische Halbinsel 
und das Mittelländische Meer, die er so oft auf der Landkarte gesehen. 
„Ich verstehe, ich verstehe," stammelte er verwirrt, denn der Steinmenfch 
lächelte wieder triumphierend, „natürlich, nun natürlich, die Materie, die Erd 
kugel selbst, ist aus Stein." 
„Verzeihung, wir reden von Ihrem Herzen."
	        

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