Full text: 1914-1916 (1914-1916)

K\s te stolz waren wir auf unsere Individualität. Ein jeder kauzte 
sich Ln seine Ecke hinein und war eine Welt für sich, die nur von ihm 
selbst verstanden wurde, die eigensinnig ihre eigene Bahn ging, den 
Andern fern und jedenfalls anders als die Andern. Die Stände, die 
Rlassen schlossen sich voneinander ab. Was wußte der Offizier von 
dem Gelehrten, der Bauer vom Bürger, der Rünstler vom Hand 
werker, sie lebten alle auf ihrer eigenen Insel, von der nur schmale 
Brücken zu den Inseln der Andern führten. Daß wir ein Volk 
waren, wußten wir, zuweilen war der Eine oder der Andere stolz 
darauf. Den Meisten jedoch war das deutsche Reich ein politifcher 
Begriff oder die Ordnungsmaschine für all die Sonderinteressen der 
deutschen Allgemeinheit. Und jetzt in Deutschlands schicksalsvollstem 
Augenblick, jetzt plötzlich denken Millionen von Deutschen einen 
Gedanken, fühlen e i n e Leidenschaft, haben einen Willen. In dem 
differenziertesten wie Ln dem einfachsten Manne erwacht etwas, das 
sie einander gleichmacht, sie nah zueinander führt, mühelos verstehen 
sie einander, als hatten sie die gemeinsame Muttersprache vergessen 
und fanden sie nun wieder. Das Volk fühlt sich als e i n Volk. Und 
der Deutsche entdeckt, daß dieses Gefühl eine unwiderstehliche, mystische 
Rrafc ist, etwas ganz Weißes und Lebendiges, etwas, das stark und 
einfach macht. Dieses Gefühl, wie ein Wunder in großer Stunde 
geboren, ist zwingend wie die Liebe, aber eine Liebe, die den Einzel 
nen über sich selbst erhebt, damit er sich Eins wisse mit seinem Volke. 
Eduard Graf Keyserling
	        

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