Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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L?er Begriff „Volk" setzt sich in Friedenszeiten eigentlich aus vielen Handlungen, 
Äußerungen und Werken zahlloser Einzelner zusammen und das geistige, wie 
das sinnliche Antlitz des Volkes enthüllt sich mehr in höchstpersönlichen Taten 
seiner geistigen Führer, als in allgemeiner, schlüssiger Bedeutung der Gesamtheit. 
Aber Augenblicke verraten dieses vielfältige, doch im wesentlichen streng be 
stimmte Angesicht einer Nation, an dessen Zügen die Großen und weithin 
sichtbaren Einzelnen ebenso schaffen, wie jeder geringe und unter der Scholle 
seiner Tage verborgene Alltagsmensch im Volke. Die ferne Vergangenheit 
schlägt ebenso ständig mit an diesem gewaltigen Steinblock, der die Form des 
Bildes „Volk" enthält, wie die Gegenwart, und die Zukunft wird weiter daran 
schaffen. Dieses Antlitz und diese Seele waren in Urzeiten, als die Geschicke 
der vielen Stämme, die noch unzusammenhängend in sehnsüchtigen Wander 
zügen ihre Wohnsitze wechselten und suchten, gegeneinander und mit fremden 
Völkern kämpfend, mannigfache Verbindungen eingehend und wieder lösend, 
Verwandtschaften und Blutmischungen anstrebend und abstoßend, vorbestimmt 
und gegeben, wenn auch gleichsam noch im rohesten Felsen mit starrer Unver 
brüchlichkeit schlummernd, sie waren ebenso gegeben, wie heute, wo sie durch die 
Arbeit vieler, in unzähligen Gräbern ruhender Geschlechter, deutlicher, seelen- 
hafter, mannigfaltiger ausgeformt erscheinen. Die Züge seyen sich, wunderbar, 
widersprechend, vielfältig und dennoch in großen Augenblicken eindeutig, mit 
der Erhabenheit einer Offenbarung zusammen, und wenn die Stunde kommt, 
da das Volk aus irgend einem großen oder kleinen Anzeichen — gibt es ein 
großes oder kleines Wunder? — sich als solches offenbart, wissen wir alle: 
„das ist deutsch" und können die Erscheinung mit keiner andern irgend einer 
andern Nation verwechseln, das größte Werk, wie das kleinste kann, wenn es 
dem Herzen des Volkes angehört, keinem andern eignen, als eben dem seinen. 
Deutsch ist das Rechtssprichwort, das deutsche Volk schlägt sein blaues 
Auge auf, wenn sein uraltes Märchen mit dem geheiligten Wortlaut erzählt 
wird, den die Brüder Grimm für unsere Ewigkeit gesammelt und aufbewahrt 
haben, die diesen stillen Sinn besaßen für das Angesicht und den gesunden 
Heldenkörper der Deutschen und die mit ihren treuen Händen an den Zügen 
mitgebildet haben, die wir erkennen. Deutsch ist das Volkslied, das in jedem 
Tal, auf den Höhen, am Meer, in den vielen Mundarten ersonnen und gesungen 
wird, die doch in der einen, einzigen Einheit der Sprache zusammenfließen, welche 
die unsrige ist. Deutsch und nur deutsch ist und kann sein die zugleich so viel 
sinnliche und so überirdische, aus dem Einzelnen ins Jenseitige hinab—hinauf 
langende Zeichnung eines Albrecht Dürer, die erhabene Vielfältigkeit und klare 
Verfchlungenheit Sebastian Bachs, die barocke Großheit und einfache Massigkeit
	        
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