Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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freundlich sind dsrt die Menschen. Sie haben das schöne Bedürfnis, einander 
zu fragen, ob sie einander unterstützen können. Sie gehen nicht gleichgültig 
aneinander vorbei, aber ebensowenig belästigen sie einander. Liebevoll sind sie, 
aber sie sind nicht neugierig. Sie nähern sich einander, aber sie quälen einander 
nicht, wer dort unglücklich ist, ist es nicht lange, und wer sich dort wohl fühlt, 
ist nicht dafür übermütig. Die Menschen, die dort wohnen, wo die Gedanken 
wohnen, sind weit davon entfernt, eine Lust in irgend jemand Anderes Unlust 
zu finden und eine abscheuliche Freude zu fühlen, wo ein Anderer sich in Ver- 
legenheit befindet. Sie schämen sich dort jeglicher Schadenfreude; lieber sind 
sie selber beschädigt, als daß sie gerne sähen, wie ein Anderer Schaden nimmt. 
Diese Menschen haben insofern ein Bedürfnis nach Schönheit, als sie nicht 
gerne ihres Mitmenschen Schaden sehen. Alle Leute wünschen dort allen nur 
das Beste. Reiner lebt dort, der nur sich selber Gutes wünscht und nur seine 
Frau und seine Rinder wohl aufgehoben wissen will. Er will, daß auch des 
Andern Frau und des Andern Rinder sich glücklich fühlen, wenn ein Mensch 
dort irgend einen Unglücklichen sieht, ist sein eigenes Glück auch bereits zer 
stört, denn dort, wo die Nächstenliebe wohnt, ist die Menschheit eine Familie, 
und es kann dort niemand glücklich sein, wenn nicht jedermann es ist. Neid 
und Mißgunst sind dort unbekannt, und die Rache ist ein Ding der Unmöglich 
keit. Rein Mensch ist dort dem Andern im weg, es triumphiert Reiner über 
den Andern, wo einer Schwächen an den Tag legt, findet sich niemand, der 
sie sich alfogleich zu Nutzen macht, denn es nehmen alle eine schöne Rücksicht 
aufeinander. Der Starke und Mächtige kann dort nicht Bewunderung ernten, 
denn alle besitzen eine ähnliche Rraft und üben eine gleichmäßige Macht aus. 
Die Menschen geben und nehmen in anmutigem, Vernunft und Verstand nicht 
verletzenden Wechsel. Liebe ist dort das bedeutendste Gesetz; Freundschaft die 
vorderste Regel. Arm und Reich gibt es nicht. Reine Rönige und keine Raiser 
hat es dort, wo der gesunde Mensch wohnt, je gegeben. Die Frau herrscht 
dort nicht über den Mann, der Mann aber ebensowenig über die Frau. Es 
herrscht niemand, außer jedermann über sich selber. Alles dient dort allem, 
und der Sinn der Welt geht deutlich dahin, den Schmerz zu beseitigen. Nie 
mand will genießen; die Folge ist, daß alle es tun. Alle wollen arm sein; 
hieraus folgt, daß niemand arm ist. Dort, dort ist es schön, dort möchte ich 
leben. Unter Menschen, die sich frei fühlen, weil sie sich beschränken, möchte ich 
leben. Unter Menschen, die einander achten, möchte ich leben. Unter Menschen, 
die keine Angst kennen, möchte ich leben. Ich sehe wohl ein, daß ich phantasiere. 
Robert Walser
	        
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